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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 171

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-06-01
Page
171 (sequence 7)
Language
German
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Goethe und die Juden mehr leistet, als ein christlicher Etudiant au belies lettres auch, so ist es, deucht uns, übel getan, mit seiner Judenschaft Aufsehen zu machen." Und es ist das reinste Gegenteil van antisemitischer Voreingenommenheit, wenn er die Besprechung mit den Worten schließt: „Wir wünschen, daß er uns auf dem Wege, wo wir unser Ideal suchen, einmal wieder und geistiger begegnen möge." Andere, annähernd gleichzeitig erschienene Besprechungen in den Frankfurter Anzeigen sind zwar nicht (wie die Darstellung in Teweles Schrift .„Goethe und die Juden" glauben lassen könnte) von Goethe selbst verfaßt, aber da sie der ganzen Situation nach von Freunden aus seiner nächsten Umgebung stammen müssen, so ist es doch auch nicht ohne Bedeutung, wenn dort von einem schlechten Missionär geschrieben wird: „Er läuft durch die Welt, bellt die Juden an, die meistens gescheidter sind, als er selbst." Und von einem Schmähschreiber gegen Mendelsohn: „Denkt er so unmenschlich, daß er gegen einen großen Teil der Menschen keine Pflichten zu haben glaubt, weil sie Juden sind? Liest er so ganz ohne Gefühl, ist er so ganz ausgestopft von Vorurteilen, daß er den Beifall, den die Mendelssohnschen Werke bei allen Vernünftigen erhalten haben, wo anders suchen kann als in ihrem inneren Wert? I" Daß Goethe das Unmenschliche in solcher, aus lauter Vorurteilen genährten Judenfeindschaft empfand, ist um so wahrscheinlicher, als er in eine seiner jugendlichen Zeitsatiren eine gründliche Karikatur des antisemitischen Hetzers aufgenommen hat, der für alle Übel der Welt immer nur die eine Formel kennt, daß die Juden schuld sind, und der bei jeder Abfertigung noch eine plumpere Beschuldigung an der Hand hat „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweiler" enthält in seiner späteren Fassung (1778) eine eingefügte Schmierenvorstellung, in der das hohle Pathos des klassizistisch französischen Theaters verhöhnt wird- Thematisch aber handelt es sich dabei um den Estherstoff und Haman bekommt ausführlich Gelegenheit, antisemitische Propaganda zu entfalten. Das ganze Arsenal der typischen antisemitischen Agitation wird geöffnet Zunächst wird der fremde Glaube der Juden und ihre Unbekehrbarkeit angeführt Wenn das nicht hilft, ihre wirtschaftliche Gefährlichkeit, die sich angeblich auf ihre Religion stützt („sie haben einen Glauben, der sie berechtiget, die Fremden zu berauben"). Wenn das nicht zieht, kommt der moralische Einfluß heran, den sie besonders auf die Frauen haben. Dann die Drohung mit ihrer revolutionären Gesinnung und schließlich, wenn alle 171

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