Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 170 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab Verallgemeinerungen ablehnend gegen die Judenemanzipation verhielt, so mußte er sich genau so ablehnend gegen ein antisemitisches Dogma verhalten, das das höhere Recht rein anschauender Menschlichkeit zugunsten einer bestimmten Theorie ausschaltete. Keines von den Dogmen, auf denen die Antisemiten heute ihre Häuser bauen, hat Goethe jemals geteilt, und es ist doch schon beinahe ein intellektueller Verzweiflungsakt, wenn man ihn für das, was spätere unglücklichere Generationen als Rassetheorie kennen gelernt haben, in Anspruch nehmen will, auf Grund eines heiteren Geplauders, von dem uns Eckermann berichtet, und bei dem er entbehrlicherweise noch extra hinzufügt, daß das ganze Gespräch scherzhaften Charakter hatte: „Die Heilige Schrift redet allerdings nur von einem Menschenpaare, das Gott am sechsten Tage erschaffen. Allein die begabten Männer, welche das Wort Gottes aufzeichneten, das uns die Bibel überliefert, hatten es zunächst mit ihrem auserwählten Volke zu tun, und so wollen wir auch diesem die Ehre seiner Abstammung von Adam keineswegs streitig machen. Wir anderen aber, sowie auch die Neger und Lappländer, und schlanke Menschen, die schöner sind als wir alle, hatten gewiß auch andere Urväter; wie denn die werte Gesellschaft gewiß zugeben wird, daß wir uns von den echten Abkömmlingen Adams auf eine gar mannigfaltige Weise unterscheiden, und daß sie, besonders was das Geld betrifft, es uns allen zuvortun." Aus diesen Scherzen eine Gesinnung zu folgern, die die Minderwertigkeit bestimmter Menschen auf Grund ihrer Abstammung von vornherein für bewiesen hält, das ist denn doch wohl törichter, als ein Mensch ehrlichen Willens sein kann. Dagegen hat Goethe sehr häufig, sehr ernsthaft und sehr nachdrücklich ausgesprochen, daß ihn die Arten zu denken und zu handeln, die man heute die völkischen nennt, nur auf den untersten Stufen der menschlichen Gesittung möglich scheinen. Und im übrigen hat Goethe zu allen Lebzeiten durch die Tat bewiesen, daß es ein antisemitisches Dogma, das ihn von der gerechten Würdigung einer jüdischen Persönlichkeit abhalten könne, für ihn nicht gab. Eine seiner frühesten literarischen Veröffentlichungen ist in den Frankfurter Gelehrten-Anzeigen die Kritik des Buches „Gedichte von einem polnischen Juden". Er findet diese Gedichte nicht gut und macht selbstverständlich aus seiner Meinung keinen HehL Aber sehr deutlich drückt er aus, daß er diese Verse nicht etwa ablehnt, weil sie von einem Judeta sind, sondern obwohl er das an sich Verdienstliche dieser geistigen Emanzipation erkennt „Es ist recht löblich, ein pohlischer Jude zu sein, der Handelschaft entsagen, sich den Musen weihen, deutsch lernen, Liederchen runden, wenn man aber in allem zusammen nicht 170