Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 169

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-06-01
Page
169 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895462-2896855--01064-2896933
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Goethe und die Juden Und Müller erkennt den abnormen, krankhaften Zustand des großen Mannes, indem er hinzufügt: „Wie schmerzlich ist es doch, solch eines Mannes innere Zerrissenheit zu gewahren, zu sehen, wie das verlorene Gleichgewicht seiner Seele sich durch keine Wissenschaft, keine Kunst wieder herstellen läßt, ohne die gewaltigsten Kämpfe, und wie die reichsten Lebenserfahrungen, die hellste Würdigung der Weltverhältnisse ihn davor nicht schützen konnten." Wie gesagt, nicht Goethes ablehnende Haltung gegen diesen entscheidenden Erfolg der Aufklärung liegt so weit außerhalb der charakteristischen Möglichkeit seines Wesens, daß sie der Erklärung aus dem besonderen Lebenszustand bedürfte. Aber die überaus schrille, heftige, und einigermaßen primitive Form, in der sich der Widerspruch hier äußert, ist allerdings nur mit der tiefen, aus ganz anderen Ursachen strömenden Unrast dieses Tages zu erklären. Das Argument von der Bestechung mit dem Rothschildschen Geld, was hinter einem solchen Gesetz stecken müsse, klingt allerdings wie aus dem Denk- und Sprachgebrauch eines richtigen Antisemiten. Es ist aber in seiner geistigen Inferiorität im ganzen unendlichen Bereich Goethescher Äußerungen auch vollkommen vereinzelt Und es mußte schon eine Stunde ganz besonderer Zerrissenheit und Aufgewühltheit kommen, daß das Goethesche Temperament der Aufsicht seines Geistes soweit entlaufen konnte, um einer so vulgären, so flachen, so brutalen Argumentation Raum zu geben. V. Irgendeine dichterische oder prosaische Stelle, in Goethes Werken, in seinen Briefen oder seinen Gesprächen, die sonst mit der Argumentierungsart der Antisemiten eine Ähnlichkeit hat, gibt es nicht Und zwar wiederum aus durchaus innerlich zwingenden Gründen. Die besondere Rhythmik jüdischen Wesens lag Goethe zweifellos nicht, und wo sie beherrschend hervortrat, wird sie ihn eher abgestoßen als angezogen haben. Aber da es seine innerste Kraft und sein oberstes Prinzip war, „das Auge licht sein zu lassen", das heißt jede Erscheinung in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Besonderheit rein auf sich wirken zu lassen, so konnte es für ihn gar keine grundsätzliche Ablehnung menschlicher Personen aus generellen Vorurteilen geben, so mußte er bereit sein, in jedem einzelnen Fall die besondere Mischart der menschlichen Kräfte auf sich wirken zu lassen und neu zu werten. (Dies gerade ist es, was der Antisemit grundsätzlich ablehnt, und was wir ihm am schwersten verdenken.) Und wenn sich Goethe aus Abneigung gegen alle dogmatischen 169

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.