Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 168 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab „Ich war kaum gegen sechs Uhr in Goethes Zimmer getreten, zunächst um Professor Umbreit für morgen anzumelden, als der alte Herr seinen leidenschaftlichen Zorn über unser neues Judengesetz, welches die Heirat zwischen beiden Glaubensverwandten gestattet, ausgoß. Er ahndete die schlimmsten und grellsten Folgen davon, behauptete, wenn der Generalsuperintendent Charakter habe, müsse er lieber seine Stelle niederlegen, als eine Jüdin in der Kirche im Namen der heiligen Dreifaltigkeit trauen. Alle sittlichen Gefühle in den Familien, die doch durchaus auf den religiösen ruhten, würden durch ein solch skandalöses Gesetz untergraben; überdies wolle er nur sehen, wie man verhindern wolle, daß einmal eine Jüdin Oberhofmeisterin werde. Das Ausland müsse durchaus an Bestechung glauben, um die Adoption dieses Gesetzes begreiflich zu finden; wer wisse, ob nicht der allmächtige Rothschild dahinter stecke." Die Grundrichtung dieser Äußerung ist aus den dargetanen Gründen mit Goethes Wesen durchaus vereinbar. Ihre Heftigkeit, Schärfe und ganze Art aber nur aus den ganz besonderen Umständen jener Tage zu erklären. Wir sind in der letzten großen seelischen Krise Goethes. Es ist unmittelbar nach der Rückkehr aus Marienbad, eben ist jene Elegie entstanden, jener furchtbarste Seelenschrei der deutschen Sprache, in dem der greise Weltbeherrscher ausrief: „Mir ist die Welt, ich bin mir selbst verloren!" Die Lockung eines Lebens zum Glück, eines Verweilens im schönen Augenblick ist ihm noch einmal in der Liebe zu Ulrike von Levetzow nahegetreten. Noch einmal hat sich seine faustische Natur losgerissen — „Entbehren sollst du, sollst entbehren" — und ist weitergestürmt Aber dem Menschlichen wird nun doch der Tribut entrichtet in einer ungeheueren Bitterkeit, einer tiefen Gereiztheit, die nicht lange danach, wie jede seelische Krise bei Goethe, auch in einer körperlichen Krankheit ausbricht Über den krisenhaften Zustand des heimkehrenden Goethe hat Kanzler Müller gerade uns ausführlich berichtet An diesem Abend, erst sechs Tage seit seiner Rückkehr, war denn Goethes Mißstimmung und Gereiztheit, wohl ganz besonders groß. Ging sein Mißbehagen, für das die Judenfrage nur ein Explosionsanlaß und keineswegs die Ursache war, doch so weit, daß er — nun bald seit einem halben Jahrhundert in Weimar verwurzelt — davon spricht, diesen elenden Ort überhaupt verlassen zu wollen. Unmittelbar nach der zitierten Stelle fährt nämlich die Goethesche Rede in der Schilderung des Kanzlers fort: „Überhaupt geschehen hier so viele Albernheiten, daß es sich bloß durch persönliche Würde im Ausland vor beleidigender Nachfrage schützen könne, daß er sich schämt, aus Weimar zu sein und gern wegzöge, wenn er nur wisse, wohin." 168