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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 167

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-06-01
Page
167 (sequence 3)
Language
German
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Goethe und die Juden seine Entwicklungsart ist eben die neptunistische, nicht die vulkanistische: allmähliche Anschwemmungen, nicht feurige Ausbrüche der Lebenskraft schaffen für ihn die Veränderungen. Auch hier macht er freilich vom Menschenrecht des Widerspruchs gründlichen Gebrauch, indem er der höchst vulkanischen Kraft, die Napoleon, der Sohn der Revolution, darstellt, seine rückhaltlose Bewunderung zeigt, weil sie in der ästhetisch bezwingenden Form der Persönlichkeit auftritt Er versagt sich der antifranzösischen Bewegung der Freiheitskriege, weil sie sich gegen einen großen Menschen richtet, und er versagt sich später der von Frankreich her wirkenden demokratischen Bewegung, weil sie sich nur auf eine Idee stützt . . . Ludwig Börne, der ein ehrlicher Mensch und ein vortrefflicher Publizist, aber ein leidenschaftlich einseitig politisierender Geist war, hat deshalb töricht erbitterte Worte über Goethes „Bedientenhaftigkeit" gesagt Das größere Beispiel gibt der größere Politiker, der Freiherr von Stein, der (in seinem Streben von Goethe ebenso wenig verstanden.), die Freunde nur ermahnt, in Goethes Gegenwart nicht von Politik zu sprechen: „Wir können ihn da freilich nicht loben — aber er ist doch zu groß!" Diese durch die eigenartige Größe der Goetheschen Natur erforderten Grenzen seines sozialen und politischen Verständnisses muß man sich klar gemacht haben, wenn man sein Verhältnis zur Judenemanzipation verstehen will, die ihm zunächst im Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Vorgänge in Frankfurt a. M. vorgeführt wurde Er korrespondiert mit Bettina darüber und zeigt sich so interessiert, wie sich Goethe selbstverständlich für jede Bewegung im Reich des Lebendigen zeigen muß. Im übrigen sind seine Äußerungen freundlich, wohlwollend, aber kühl und sehr vorsichtig. Er schreibt — es ist im Jahre 1808 — „es ist recht wunderlich, da man eben zur Zeit, da so viele Menschen totgeschlagen werden, die übrigen aufs Beste und Zierlichste auszuputzen sucht". Sehr deutlich spricht hier die Skepsis des Realisten, der den Wert theoretischer Reformen bei Fortdauer der allgemeinen Menschennatur bezweifelt Und so will er auch die Judenreform nicht begründet sehen, auf ein Idealbild von Menschlichkeit, zu dem die Juden wohl zu entwickeln sein mögen, sondern auf „dies Geschlecht, wie es ist und wie es noch eine Weile bleiben wird." Als ein halbes Menschenalter später die Judenemanzipation in weit entschiedenerer Form als damals in Frankfurt, nach Weimar vordringt, da wird uns nun freilich von dem 74jährigen Goethe ein Protestwort allerstärkster Art überliefert Der Kanzler Müller erzählt unter dem 23. September 182 3: 167 11*

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