Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab des Verstandes zu gestalten dachten. Es sind die großen Grundkräfte der Goetheschen Jugend, die später die Romantik vereinseitigt und einfach zur Rückkehr ins Mittelalter eingesetzt hat Die überlegene und einzige Größe Goethes besteht gerade darin, daß bei ihm Mächte des aufgeklärten Verstandes (für die die Romantik nur noch Hohn und Verachtung hatte), immer neben, gegen, mit den Gefühlsmächten wirksam blieben. Immer wieder muß man erkennen, daß in dem, was unsere höchst unzulängliche Sprache nur als Widerspruch formulieren kann, gerade die unbeschreibliche Größe Goethes, die höhere Einheit seines Wesens liegt Wo die künstlerischen Gefühlskräfte Goethe aber besonders mißtrauisch gegen die Forderungen der Aufklärung machten, das war dort, wo die Rationalisierung des sozialen Lebens, die Aufstellung allverpflichtender Forderungen für den Aufbau der Gesellschaft einsetzte. Keineswegs hielt Goethe die Zustände der Gesellschaft, wie er sie vorfand, für gut und unverbesserlich. Er hat im Gregenteil die Unvermeidbarkeit einer gewaltsamen Revolution bei ihrer Fortdauer vorausgesagt, und hat als Minister leidenschaftlich, wenn auch mit sehr beschränktem Erfolg in seinem kleinen Kreise zum Besseren gewirkt Und er war so wenig „konservativ", daß nichts ihn von seiner Verehrung gegen den größten Umstürzler seiner Zeit, Napoleon, abbringen konnte Aber da trat ihm das Neue in der gefühlsmächtigen Form einer riesigen Persönlichkeit entgegen. Nicht als eine Theorie. (Immermarin hat einmal sehr schön betont, wie grundfalsch der Ausdruck „Robespierre ä cheval" für Napoleon ist — er war eben keine berittene Doktrin, sondern eine ungeheuere Naturkraft, eine Realität höchster Ordnung.) Wo Theorien die Gesellschaft umformen wollten, war Goethe stets zurückhaltend, wenn nicht feindlich. Er hat die Notwendigkeit und die elementare Kraft der französischen Revolution sehr wohl gefühlt, aber er hat sich gegen die Übertragung ihrer Theorien auf alle menschlichen Verhältnisse heftig gesträubt Er wollte „eher eine Ungerechtigkeit als eine Unordnung" ertragen, weil ihm das Leben, das im Chaos immer bedroht ist, wichtiger war als jede Idee. Und deshalb ist er duldsam und verständnisinnig gegen revolutionäre Persönlichkeiten, aber gegen grundsätzliche revolutionäre Forderungen stets verschlossen gewesen, hat sich dem Verfassungsstaat, dem Stimmrecht, der Pressefreiheit gegenüber sehr skeptisch verhalten. Es wäre der ganzen Goetheschen Natur entgegen, in solchem Widerstreben ein Bekenntnis zur Vollkommenheit und zur notwendigen Erhaltung alles gegenwärtig Seienden zu erblicken. Für Goethe ist alles in Bewegung und Entwicklung. Aber 166