Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 163 (sequence 7)
- Language
- German
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Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie Traum übersetzt trotz aller seiner Peinlichkeit die beruhigende Wunscherfüllung: „Auch in dem jetzigen , Lebensexamen' wird es dir so gehen wie damals" ins Bildhaftsymbolische. Der Freudsche Symbol- und der frühere Assoziationsbegriff, d. h. dieser Begriff einer unwillkürlichen, aber triebhaft bedingten Identifizierung von Erlebnissen, der Übersetzung von Wünschen und Wunscherfüllungen, und jener Begriff einer mechanischen Vorstellungsverknüpfung: sie kennzeichnen die neue Richtung, die die Freudsche Psychologie nimmt. Es kommt der Augenblick, in dem die vom Ich, vom egozentrischen Empfinden gelöste Erotik nach einem Objekt sucht — und dieses Objekt zunächst findet in dem Vater für das kleine Mädchen, der Mutter für den kleinen Jungen- Der viel gescholtene „Ödipuskomplex", für dessen Realität doch die unbefangene Kinderbeobachtung ebenso wie die Dichter zeugen, mit seinen Liebes- und Eifersuchtsbeziehungen tritt in Erscheinung. Auch hier wieder muß die Erziehung eindämmend, hemmend, loslösend einwirken: sie tut es, indem sie die Autorität des gleichgeschlechtlichen Elternteils aufrichtet, diese Autorität, die, wenn sie in richtiger Weise ihren Einfluß geltend macht, aus dem eifersüchtigen Wunsch des Knaben, an der Stelle des Vaters zu sein, cL h. seine Stelle bei der Mutter einzunehmen, den anderen macht, selbst so wie der Vater zu werden. Es ist ein natürlicher Wunsch des Knaben, der als solcher erhalten bleiben soll, ein „Erbe", ein „Nachfolger" zu sein, aber die „verbotenen" Elemente dieses Wunsches müssen durch die Autorität des Vaters erstickt und damit aus dem „Nebenbuhler" das „Vorbild" werden. Was heute in diesen Dingen in gemilderter, versteckter, nicht ohne genauere Analyse erkennbarer Gestalt sich abspielt, war einst nackter und blutiger Kampf — die Gewalt, mit der der Vater, der Hordenführer sein weibliches „Eigentum." gegen die Angriffe der Söhne verteidigte. Für die so rätselhafte Macht und Bedeutung der Inzestschranke bei allen primitiven Völkern haben erst Freuds hier ins Völkerpsychologische und Ethnologische tief eingreifende Untersuchungen uns das rechte Verständnis gebracht Zwei Einwände werden namentlich gegen Freud erhoben: der eine, daß er dem Sexualtrieb eine zu große Bedeutung einräume, „alles" auf ihn zurückführe, der andere, daß er den Begriff des Sexualtriebs in unerlaubter Weise erweitere. Diese Erweiterung hängt, wie die flüchtigen Andeutungen dieser Skizze zu zeigen versuchten, mit der genetischen Betrachtungsweise des Trieblebens bei 163