Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie
Date
1926-06-01
Page
162 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895462-2896854--01056-2896926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

E. v. Aster tigen Kaufmanns können aus ähnlicher Quelle stammen. Und die Übergänge zwischen dem einen und anderen, zwischen dem neurotischen und der in den Zusammenhang des Kulturgeschehens als wichtiger Faktor eingebauten Handlung sind fließende, wie der Begriff der „Krankheit" selbst im Grunde kein fest bestimmter ist Vor allem aber sind wir hier auf einen Begriff gestoßen, der für das Verständnis der Freudschen Lehre von hoher Bedeutung ist und dem, wie mir scheint, keine geringere psychologische Wichtigkeit zukommt, als dem Begriff der Verdrängung: es ist der Begriff des Symbols, der symbolischen Handlung und Ersatzhandlung im Freudschen Sinne. Vielleicht am deutlichsten wird der Sinn dieses Begriffs in einer der wichtigsten, freilich auch umstrittensten Leistungen Freuds: in seiner Traumanalyse. Wie hinter den neurotischen Symptomen, verbergen sich hinter den Traumbildern Wünsche, und zwar Wünsche, die in das frühe Kindesalter zurückgehen, freilich zugleich nicht selten mit Gegenwartswünschen verschmelzen oder vielmehr in diesen Gegenwartswünschen ihre Auferstehung feiern: stärker noch als der „Normale" haftet der Neurotiker an seiner Kindheit, wird ihm alles Neuerlebte zu einer Wiederholung der Kindheitserlebnisse, ist ihm durch seine Kindheitsbeziehungen ein „typisches Schicksal" festgelegt Schon hier können wir den Begriff des Symbols in Freudschem Sinn zur Anwendung bringen: ein Symbol liegt vor, wenn ich mich einer Sache, einer Situation gegenüber so verhalte, als ob sie jene frühere wäre, wobei ich mir keineswegs dessen bewußt zu sein brauche, daß ich diese Identifizierung vollziehe. Zugleich aber verschafft sich jener infantile Wunsch im Traumbild wieder seine „symbolische" Befriedigung. Ein Beispiel: eine Patientin, von Freud, am Tage vorher darauf aufmerksam gemacht, daß er ihr vorläufig nur wenig Zeit widmen könne, träumt in der Nacht, wie sie beim Arzt hinter fünf anderen zurückstehen muß — es sind die fünf Geschwister, durch die ihr eifersüchtiges Gefühl sie in der Liebe der Eltern sich benachteiligt sehen ließ — zugleich aber mengt sich dem Traum noch der Anklang einer anderen Reminiszenz bei, die ihr sagen soll, daß dies Zurückstehen nur scheinbar, nur ein Scherz sei Wir stehen vor einer Lebensentscheidung, die Angst und Sorge in uns weckt, und nachts ängstigt der bekannte peinliche Examenstraum, wir müssen wieder im Abiturientenexamen Rede und Antwort stehen, aber seltsam: nur von einem einst glücklich verlaufenen Examen handeln solche Träume und etwas von dem Bewußtsein, daß jene Situation ja längst hinter uns liegt, spielt hinein in den Traum, d. h. der 162

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.