Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 164 (sequence 8)
- Language
- German
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E.v. Aster: Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie Freud überhaupt zusammen. Das Eigentümliche gerade des Sexualtriebes aber, des Triebes nach Organlust, besteht in seiner Piastizitat, seiner Tendenz, sich proteusartig zu verwandeln und dem Bewußtsein zu verbergen, Ersatzbefriedigungen in anderen Sphären zu suchen, welche Tendenz ihrerseits mit der Art zusammenhängt, wie dieser Trieb in das Ganze des psychophysischen Lebens sich hineinwebt, das Verhältnis des Menschen zu anderen (Liebe) und zu sich selbst (Stolz, Scham) berührt, im Gegenteil zu jenen anderen, isoliert und unveränderlich bleibenden Abspaltungen des Urtriebes, die wir in Hunger und Durst vor uns haben. Es ist wohl verständlich, daß den Leser und Hörer der Freudschen Theorien ein gewisses Unbehagen überkommt bei der Rolle, die hier dem Sexualtrieb zugeschrieben wird, aber dies Unbehagen ist selbst ein Argument f ür die Theorie. Damit durch die „Sublimierung" des Trieblebens Kulturarbeit, Kulturgüter und -werte entstehen können, muß das bloße Triebleben und seine ursprüngliche Form eine gewisse Ächtung erfahren; es muß durch die "Mächte des Ekels und der Scham, der Autorität und der Inzestschranke gebannt werden. Eben diese Mächte aber machen uns geneigt, diese Urformen des Triebes und ihre Bedeutung wenigstens bei uns selbst nicht sehen zu wollen. Aber wären sie nicht vorhanden, brauchte es dann überhaupt Scham und Ekel, Abscheu vor dem Inzest und Entsetzen vor dem furchtbaren Verbrechen des „Vatermordes"? Der Verbrecher unter der Guillotine ist keine andere Art Wesen als wir selbst, wir tragen ihn in uns, es ist vielleicht nur die Gunst des Schicksals, die uns vor seinem Leben bewahrte, wie es vielleicht nur an eben dieser Gunst — ,,ohn' unser Verdienst und Würdigkeit" — hing, ob die Wandlung unseres Trieblebens uns zur asozialen und sinnlosen Existenz eines „Kranken" verurteilte oder uns den Weg zu sozialer Leistung eröffnete. Es ist nützlich, bisweilen daran erinnert zu werden. Im übrigen ist Freuds Lehre eine wissenschaftliche Theorie. Bei einer Theorie fragt es sich, ob sie wahr oder falsch, nicht ob sie schön oder häßlich, nützlich oder schädlich ist Und von Kopernikus bis Darwin ist noch jede Theorie, die man im Namen irgendeiner Weltanschauung bekämpfte, schließlich mit jeder Weltanschauung vereinbar gewesen. Das Bedeutsame an jeder echten wissenschaftlichen Theorie ist, daß sie. — gerade auch im Gegensatz zur Weltanschauung — nicht ein Ende, ein fertiges abgeschlossenes Gebilde, sondern ein Anfang, ein belebender Hinweis auf weitere Forschung, weiteres Fragen und Finden ist. Das gilt gerade von der Psychoanalyse. Möchte es ihrem Begründer vergönnt sein, noch viele Jahre in alter Kraft und Frische an seinem Werke mitzuarbeiten. X64