Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 161 (sequence 5)
- Language
- German
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Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie umfassen: wir kommen zu jener Stufe der kindlichen Entwicklung-, in der die ersten Regungen kindlichen Stolzes, kindlicher Eitelkeit, naiver Selbstschätzung und naiver Freude am eigenen Körper dem aufmerksamen Beobachter ein Triebleben verraten, das nicht mehr nur in unzusammenhängenden einzelnen körperlichen Akten sich äußert, nicht mehr nur im Auf- und Abschwellen körperlicher Lust besteht, sondern ein dauerndes Objekt sich sucht, nur daß dieses Objekt noch das eigene Ich, die eigene Person, Körper und Seele, bleibt — aus dem „egoistischen" ist, unter Abspaltung des im wesentlichen auf der Stufe des nur „Egoistischen" verharrenden Nahrungstriebes, das „egozentrische" Stadium des Trieblebens hervorgewachsen. Die Grenzen dieses „Ego" aber sind für das unbefangene Empfinden des Kindes zunächst noch weit gezogen, sie umfassen auch die Ausscheidungsstoffe mit, vor denen das Kind keineswegs den Ekel des Erwachsenen empfindet Hier setzt nun die erste Erziehung ein, die Erziehung zur Sauberkeit, die uns Freud zugleich als eine Erziehung des Sexualtriebes sehen gelehrt hat, einen Zwang, diesem Trieb gewisse Betätigungen und Ziele zu entziehen. Scham und Ekel vor allem sind die kräftig wirksamen Erziehungsmächte, die inneren Hemmungsschranken, die hier aufgerichtet werden; Hemmungen, d. h. Motive, die zum Kampf gegen Triebrichtungen und zur Verdrängung zwingen. Was geschieht nun, wenn der verdrängte Trieb eben zwar verdrängt, aber nicht vernichtet, in seiner eigentlichen Gestalt und Betätigungsrichtung zwar gehindert ist, aber als Trieb doch vorhanden bleibt? Er sucht sich, wie uns Freud zeigt, eine symbolische Befriedigung, er schafft sich Luft in einer „Ersatzhandlung" — die freilich diesen ihren Sinn als „Symbol", als „Ersatz" dem Bewußtsein des Handelnden verbirgt Und wie der verdrängte Trieb selbst, so kann auch der Kampf gegen ihn, die gegen ihn gerichtete Abwehr in solchen Ersatz- und Symbolhandlungen erhalten bleiben. Diese Ersatzhandlungen aber können ihrerseits eine doppelte Form annehmen: sie können sich als sinnlose neurotische Zwangshandlungen gebärden, die in ihrer äußersten Konsequenz den Menschen, der mit ihnen, er weiß und versteht nicht warum, behaftet ist, zu einer zwecklosen, asozialen Existenz verurteilen, zum „Kranken" machen. Oder sie können als „Charaktereigenschaften" sich darstellen, als feste „Gewohnheiten" des Handelns, die vielleicht schließlich, vorausgesetzt daß der Träger an der richtigen Stelle in das soziale Leben eingefügt wird, ihm selbst und der Gesellschaft zu hohem Nutzen gereichen. Der Waschzwang des Zwangsneurotikers und die peinliche Ordnungsliebe und Sparsamkeit des tüch- 161