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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 160

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie
Date
1926-06-01
Page
160 (sequence 4)
Language
German
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E. v. Aster der späteren Lebensaufgaben, vor die er sich gestellt sieht, immer wieder unbewußt zurück auf jene erste Aufgabe und das Gelingen oder Mißlingen ihrer Lösung; im ganzen Leben des Menschen gibt es keine schwerere Demütigung für die Frau, als das Verschmähtwerden ihrer Liebe, für den Mann, als das Versagen bei der Frau, die er liebt Wo aber dies Rückgrat unseres Seelenlebens, das Selbstgefühl, berührt wird, da flüchten wir uns, mit Ibsen zu reden, in die „Lebenslüge", d. h. wir verstecken vor uns selbst die peinlichen Dinge, wir verkleiden sie; wir können sie nicht zerstören, aber wir suchen uns ihren wahren Anblick zu ersparen. Noch aus der Auffassung, die er zusammen mit Breuer in den „Hysteriestudien" vertrat, bewahrt Freud lange Zeit den Gedanken, daß es erschreckende, eine Art Shokwirkung auslösende Einzelerlebnisse seien — Vergewaltigungs¬ und Verführungsversuche z. B. —, die am, Anfang der hysterischen Erkrankung standen. Die Einsicht, daß die hier von den Patienten scheinbar erinnerten Jugendvorgänge sich gar nicht so selten als Phantasien, als Deckerinnerungen entpuppten, führte zu dem oben schon formulierten Ergebnis, daß, so wichtig als auslösende Faktoren solche Erlebnisse in vielen Fällen sein mögen, doch vor allem hinter ihnen die Sexualität des Patienten selbst und ihre Richtung wirksam ist Damit war der Weg geöffnet zu der wichtigen Entdeckung der infantilen Sexualität und ihrer Entwicklungsstufen — dieser Entdeckung, die nun freilich mehr heftige Ablehnung als Zustimmung erfahren hat Alle Entwicklung im psychologischen Leben ist Differenzierung, Aufspaltung. Am Anfang der Triebentwicklung steht ein Trieb, der ebensowohl als Nahrun gswie als Sexualtrieb, als Streben nach Sättigung wie als Streben nach Organlust anzusprechen ist Der Trieb differenziert sich später und heftet sich in seinen einzelnen Zweigen vorwiegend an bestimmte Organe, wie ganz entsprechend auch die Entwicklung des Empfindungslebens sich vollzieht: ist ursprünglich der ganze Körper des einzelligen Organismus für alle Reize — Berührung. Erschütterung, Licht, Wärme, chemische Einwirkung — gleichmäßig empfänglich, so bilden sich allmählich für diesen und jenen Reiz spezifische Aufnahmeorgane und zugleich entfaltet sich das undifferenzierte Empfindungsleben in die einzelnen Sinnesqualitäten. Mit dieser Tendenz zur Differenzierung aber verknüpft sich eine andere bedeutsame Entwicklung. Der Trieb, zunächst nur auf Reizung einzelner Körperstellen gerichtet und in ihr sich erschöpfend, beginnt zugleich das Ganze der seelischen und körperlichen Persönlichkeit zu 160

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