Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 159 (sequence 3)
- Language
- German
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Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie ebensowenig bestritten oder herabgesetzt werden, wie etwa der der experimentellen Gedächtnisuntersuchungen, die in abschließender Weise Georg Elias Müller noch vom Standpunkt der alten atomistischen Psychologie aus angestellt und in ihrer Sprache theoretisch zum Ausdruck gebracht hat Aber die psychologische Wissenschaft kann nicht bei einer bloßen Beschreibung stehen bleiben, kann nicht nur verständnisvoll nachfühlende Typenschilderung und Erlebnis umreiß ung sein, sie muß schließlich einer erklärenden Theorie zustreben, einer Kausalerklärung des seelischen Geschehens aus seinen letzten wirkenden Kräften. Instinktiv wußte die Psychologie des Alltagslebens es stets, daß diese „treibenden" Kräfte eben nur in den „Trieben" zu suchen seien, in der wissenschaftlichen Psychologie dagegen blieb (selbst in der so exakten und tief dringenden Arbeit der „Gestaltpsychologen") die Lehre von Trieb und „Willen" eine Art Anhang zur Psychologie des Vorstellungslebens. Erst Freud war es vorbehalten, nach jenem seltsamen Umweg der Vorstellungsmechanik, den Grund zu einer umfassenden, auf den Begriff des Triebes aufgebauten erklärenden Psychologie zu legen. Kehren wir zu Freud zurück. Der zweite wichtige Schritt in der Analyse des Seelenlebens seiner Patienten ist die Einsicht, daß die verdrängten Partien des Seelenlebens selbst einer bestimmten Seite des Affekt- und Willenslebens angehören, daß hinter ihnen Wünsche sexuellen Inhalts stehen. Machen wir uns genauer klar, was das heißt: die zur Neurose disponierten Personen sind Menschen, die ein lebhaftes erotisch-sexuelles Bedürfnis haben, bei denen dies Bedürfnis, das ihm entsprechende Erleben und Wünschen das körperlichseelische Leben in nicht unbedeutendem Maß durchzieht und die andererseits gegen diese eigene Seite ihres Lebens empfindlich reagieren, vor ihr erschrecken, den Blick abwenden, von ihr nichts wissen wollen, mit Scham, Angst, Abwehr auf sie antworten. Es ist. gerade eine Eigentümlichkeit des Sexualtriebes, daß er derartige Reaktionen auslösen kann, auszulösen neigt, im Gegensatz zum Nahrungstrieb, zu Hunger und Durst, etwa, denen nichts dergleichen eigen ist Und eben dieser Zug des Sexualtriebes hängt weiter damit zusammen, daß keine Seite des Seelenlebens so eng und ursprünglich mit dem Selbstgefühl, der Selbstachtung zusammenhängt, daß keine so stark von dem Druck der Erziehung betroffen wird, der selbst wieder des Mittels des gedrückten und gehobenen Selbstgefühls vor allem sich bedient Wie der größte Teil der Erziehung eben darin besteht, den Menschen zur Regulierung und Disziplinierung dieser Seite des Trieblebens zu veranlassen, so weist die Reihe \59