Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 155 (sequence 9)
- Language
- German
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Erwägungen zu „Nathan dem Weisen" sein schlechtes Spiel entschuldigen, er sei zerstreut, sei nicht bei der Sache gewesen: „Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine Bestandig? die an nichts erinnern, nichts Bezeichnen. Hab' ich mit dem Iman denn Gespielt?" Der Iman hätte freilich zu plastischer Gegenständlichkeit ausgearbeitete Figuren nicht zugelassen: die mohammedanische Religion verbietet im Gefolge der israelitischen „Bildnis und Gleichnis", aber er hätte damit zugleich die Bedeutung des Schachspiels richtig aufgefaßt Die schmälste, die knapp notwendige Basis des Sinnlichen ist hier gerade die angemessene und alle sittliche „Bezeichnung" wird abgelehnt Man soll wirklich vor diesem Brett an gar nichts anderes denken als an diese Felder und diese Steine und an die Züge, die jeder Figur nach der Spielregel verstattet sind, an die unabsehbaren Möglichkeiten innerhalb des Netzwerkes dieser Regel. Das Spiel geht nicht um äußeren Gewinn, und es weckt doch die tiefste Leidenschaft, eine Glut, die sich ausgibt mit den Kräften des kühlen Verstandes. Es beschwichtigt alle anderen Anliegen des Lebens; es erregt in seiner eigenen Sphäre, ein Rausch ohne Trunkenheit Ja, alles, was der Mensch sonst darstellt, verliert seine Geltung. „Kann man schon ein Mann von Geist und ein großer Schachspieler in einer Person sein, wie Legal, so kann man auch ein großer Schachspieler und dabei ein einfältiger Mensch sein, wie Foubert und Mayot"x) Goethe war dieses außermenschliche Wesen so unheimlich, daß sein Bannspruch über alles Indisch-Monströse das Schachspiel mit einbegriff, als welches „allem Dichtersinn den Garaus zu machen völlig geeignet" sei2) Wie verstehen wir's, daß AI Hafi (I, 3) ein „höchstes Gut" hier anerkennt, dessen er ganz teilhaft zu werden hofft mit seinen Lehrern am Ganges? Das Schachspiel ist ein Sinnbild der Mathematik, und die Mathematik — in der klassischen Strenge ihres Anspruches wenigstens — ist ein Vorbild der reinen, der unbedingten Wahrheit — Wenn aber der Schachspieler aufsteht von seinem Stuhl, dann blickt er in eine andere Welt, in der die Beziehungen nicht so reinlich, die Entscheidungen nicht so klar sind, und wenn Philosophen über das mathematische Gebiet hinaus mathematisch demonstrieren wollten, so 1) Diderot auf der zweiten Seite des „Neveu de Raineau". Vgl. auch den Artikel ,.E' clais'* des Chevahes Louis de Jaucourt in der Grande Encyclopedie am Schlüsse. 2) In den Noten zum Divan u. d. W. „Geschichte". 155