Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 156 (sequence 10)
- Language
- German
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Robert Arnold Fritzsche gewannen sie nur den Schein der Sicherheit, so gingen sie in die Irre. „Die Geometrie beläßt den Geist in der Verfassung, in der sie ihn antrifft." x) Aber das Vorbild der Mathematik bleibt darum doch unangetastet, und wo die mathematische Demonstration nicht zu erreichen war, da sollte die Bildkraft der Analysis helfen. So erläutern bei Leibniz die Ordinaten der Hyperbel und des Dreiecks zwei Möglichkeiten des Wachstums zu „mehrerer Ausdehnung", während das Rechteck die „immer gleiche Vollkommenheit" andeutet: er hofft, von da aus könne Licht fallen auf ein so schwieriges ethisch-religiöses Problem wie die Lehre von den „ewigen Strafen".2) Wir wissen, wie lebhaft, wie innerlich beteiligt Lessiug das aufnahm. Es war noch viel in ihm von dem denkmutigen Geiste des „mathematischen", des 17. Jahrhunderts, obwohl nicht mehr das arglose Vertrauen, das Leibniz der „Strenge der Beweisführung" noch entgegenbrachte.3) Jene andere Form der Wahrheit nämlich, die aus dem tätigen und leidenden Umgang der Menschen sich heraufringt, sie verlangt einen ganz neuen Ansatz, und, wo sie zwingend wird, wird sie's nicht mathematisch. Man muß schon in die Einsamkeit gehen oder zu wenigen Gleichgesinnten, um jene vorgestellte oder vorgespielte Reinheit der Erkenntnis zusammen mit dieser unversehrten Reinheit des Willens an sich zu erfahren. „AI Hafi, mache, daß du bald In deine Wüste kömmst Ich fürchte, Grad' unter Menschen möchtest du, ein Mensch Zu sein, verlernen." (I, 3.) Nathan würdigt das sittliche Ungestüm in diesem Derwisch: „Wilder, guter, edler — Wie nenn ich ihn?" (II, 9.) Nathan selbst ist nicht „wild". Er gehört zu denen, die „Gott in allen Stätten und in allen Straßen und bei allen Leuten haben".4) Lessing wußte, was Einsamkeit heißt, vereinsamend zwischen Juden und Christen, zwischen Aufklärern und Rechtgläubigen, zumal gegen das Ende seines Lebens, und doch hat er ein Drama der Geselligkeit gedichtet. (Schluß folgt) *■) Voltaire, Siecle de Louis XIV, Chap. 3l. („La geometrie laisse l'esprit comme eile le trouve.") 2) Lessing (Hempel) XVIII, S. 87 ff. In der Theodicee S 272 wird die Asymptote herangezogen zur Erläuterung einer stetig abnehmenden, doch nie aufhörenden Pein. 3) Vgl. das Zitat bei Lessing, XVIII, S. 89. *) Meister Eckharl: „Reden der Unterscheidung", 6. Vgl. auch Spinoza Eth. IV. App. Cap. i3 und Propos. 35, Scholium. 156