Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 154 (sequence 8)
- Language
- German
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Robert Arnold Fritzsche „Die Begriffe Wahrheit und Recht fließen ineinander über." Dike ist die Schwester der Aletheia.1) Die Marksteine sind nicht für alle Zeiten gesetzt, sie werden weitergerückt, aber ohne Marksteine könnten wir unter Menschen nicht menschlich leben. Auch sind sie nicht für alle dieselben: verschiedene Gruppen markieren verschieden, und zwischen ihnen hat sich wiederum ein System der Markierung ausgebildet Das Recht enthält Wahrheit, die für den Verkehr der an die Geschichte gebundenen Menschen erträgliche, aber gegenüber der dem forschenden Geiste versprochenen schlechthinnigen immerdar zurückgebliebene Wahrheit Wir sind — der Deutlichkeit halber — von dem Gleichnis der Währung abgebogen. Wir wenden uns noch einmal dahin zurück: Die Münzen dürfen von dem angegebenen Metallgehalt nicht allzuweit abstehen, sonst gehen Treu und Glauben nach außen hin und schließlich auch im Innern des Staates in die Brüche. Letzlich richtet sich die Wertbestimmung doch nach der „uralten Münze", und wenn Nathan in der Ringparabel die sittliche Bewährung der Bekenntnisse fordert, so greift er doch nach einer Wage: es ist die Wage der praktischen Vernunft, die, in sich gegründet, ohne den methodischen Vorgang der theoretischen nicht begründbar ist III. Im Todesjahre Lessings, zwei Jahre nach dem Erscheinen des „Nathan", hat Kant durch sein Hauptwerk eine neue Ordnung dessen angebahnt, was „Wahrheit" heißen kann. Aus einer geklärten Einsicht in das Verhältnis der Logik zur mathematischen Naturwissenschaft erfolgte auch ein klares Verhältnis der Logik zur Ethik. Begeben wir uns auf diesen Standort zur Ausschau, so wird soviel offenkundig: Die schwebende Erwägung uralter Wahrheit verträgt keinen mos geometricus für die Ethik. Die Mißhelligkeit, die Kant aufhellt, hat Lessing empfunden. Die Wahrheit der Mathematik, selbstsicher abgesondert, sie zieht uns unwiderstehlich an und sie versagt sich doch der Ganzheit des Lebens. Als eine Macht in Menschenseelen ist dieses Gebanntsein «durch das Mathematische im „Nathan" bedeutsam hingezeichnet Saladin und Sittah spielen Schach. (II, i.) Man führt das literarisch zurück auf die Trick-Track-Szenen des alten Lustspiels. Ein technischer Hinweis, nicht mehr! Was macht Lessing aus diesem Kunstmittel? Saladin will *) Vgl. Rudolf Hirzel: Themis, Dike und Verwandtes. Leipzig 1907. S. ix5. 154