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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 153

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
Date
1926-06-01
Page
153 (sequence 7)
Language
German
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Erwägungen zu „Nathan dem Weisen" nein, könnten wir hier und heute mittels ungestempelter Barren überhaupt noch Handel treiben? Saladin fragt nicht schlechthin, was Wahrheit sei, sondern, welche von den drei in Jerusalem gegenwärtigen Bekenntnisgemeinden die Wahrheit besitze. Er sieht also in der Wahrheit das Ergebnis einer Übereinkunft innerhalb einer der drei Bekenntnisgemeinden. Mit der „Wahrheit schlechthin" hat diese „gestempelte" das gemeinsam, daß sie auf einer Einstimmigkeit beruht: bei der „Wahrheit schlechthin" ist es die Übereinstimmung der von ihr umschlossenen Elemente einer durch das Denken verarbeiteten, dem Denken einverleibten Erfahrung; bei der „gestempelten" Wahrheit kommt es zunächst auf die Übereinstimmung der ihr anhangenden Bekenner an. Ob sie mit der „Wahrheit schlechthin" zusammenfalle, bleibt zweifelhaft, da drei Bekennergruppen nebeneinander bestehen. Zu wünschen wäre ja, daß die logische Widerspruchslosigkeil der vereinigten Elemente sich ergäbe zugleich mit der einstimmigen Annahme durch alle bekennenden Menschen. Die drei gestempelten Barren lauten auf den gleichen Wert der „Wahrheit schlechthin", aber die Stempel besagen für Has Denken Verschiedenes. Wir könnten nun die Münzen nacheinander auf die logische Wage legen: da könnte sich herausstellen, daß eine oder daß keine von den dreien den angegebenen Metallwert enthält Aber hätten wir dann die „Wahrheit schlechthin" ein für allemal? Sie könnte doch auch einen viel höheren Wert darstellen, als der durch jene Münzen bezeichnet wird: über den Wahrheitsanspruch der drei Bekenntnisse wäre entschieden vor dem Gericht der ersehnten schlechthin gültigen Wahrheit, aber dieser Anspruch wäre noch nicht diese Wahrheit selbst in der ganzen Tiefe ihres Ursprungs, in aller Möglichkeit ihrer unabsehbaren Bewegung. Beruht vielleicht auch das Gewicht auf Übereinkunft, das wir auf die Wage legen? Müssen nicht gerade die ungestempelten Barren im Austausch gegen Waren fortwährend neu gewogen werden! Wo finden wir einen Halt, wo eine unverrückbare Stütze? „Im Austausch gegen Waren!" Da stehen wir am Wendepunkt unserer Erörterung. Wir Menschen sind nicht auf der Welt, nur um nach der Wahrheit zu forschen; wir sollen auch miteinander auskommen, und damit uns das gelinge, darum erschien auf Erden das Recht Das Recht kann nicht darauf warten, daß die „Wahrheit schlechthin" einmal endgültig werde; es würde ja auch vergebens warten. So setzt es Marksteine an . bestimmten Stationen des Weges, den das Menschengeschlecht zu durchlaufen hat und auf diesen Steinen ist eingegraben, was für den Verkehr der Menschen als wahr zu gelten habe. 153

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