Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 152 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Robert Arnold Frilzsche „Gottheit", d. h. die Fülle ihres Seins, nicht nur Gottes Ratschluß, „in seinen Willen aufgenommen", so wäre er als dramatische Person unmöglich.1) Aber auch religiös ist er so nicht gedacht. Die Gottheit bleibt auf „ihrem Weltenthron". II. Das ,Jüngst Begriffene" soll der einzelne bei jeder unerwarteten Erfahrung wie zum ersten Male sich zu eigen machen. Für die Menschengeschlechter, die einander ablösen, gilt dasselbe Gesetz. Goethe hat es uns gelehrt in seinem „Vermächtnis": „Das Wahre war schon längst gefunden, Hat edle Geisterschaft verbunden, Das alte Wahre fass' es an." Und was sagt Nathan, im Selbstgespräch, gegenüber dem Ansinnen, unter drei Religionen „die wahre" zu bezeichnen? „loh bin Auf Geld gefaßt, und er will — Wahrheit Wahrheit' Und will sie so, — so bar, so blank — als ob Die Wahrheit Münze wäre! — Ja, wenn noch Uralte Münze, die gewogen ward! — Das ginge noch! Allein so neue Münze, Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht" (III, 6.) Der Wert des ungestempelten Barrengeldes wird gelegentlich jeder Kaufhandlung vor den Augen der Beteiligten als Gewicht bezeugt Den Wert des gestempelten Geldes hat ein dritter, an der Kaufhandlung nicht unmittelbar Beteiligter, festgesetzt. Käufer und Verkäufer haben den Stempel anzuerkennen. Schiller verwendet dasselbe Bild in den Worten des Marquis über die „Politik der Krone": „In ihren Münzen läßt sie Wahrheit schlagen, Die Wahrheit, die sie dulden kann. Verworfen Sind alle Stempel, die nicht diesem gleichen." (Don Carlos III, 10.) Also die „gestempelte" Wahrheit unterscheidet sich von jener anderen, die gewogen wird. Darf ich sie dann noch „Wahrheit" nennen? Wenn aber x) So hat auch Seydelmann (vgl. dessen Biographie von H. Th. Rötscher, Berlin iS45. S. ao5) den „Gedankengehalt Nathans' durch einen „individuellen Menschen" dargestellt. 152