Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 151 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Erwägungen zu „Nathan dem Weisen" scheidend überfließt, und das Handeln ist ihrem Einfluß überhaupt entzogen. Bei heftigen Anstößen erlauschen wir ein tieferes Atemholen, ein Zittern des Gleichmuts — und das ist gut so, Nathan würde sonst aufhören, „ein Mensch zu sein". (III, 9.) Von einer deutlichen Linie des Handelns weicht er nicht mehr ab. Handelt er noch aus eigenen Entschlüssen? „Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder. Sie sprach mit sanfter Stimm': ,und doch ist Gott! Doch war auch Gottes Ratschluß das! Wohlan! Komm! übe, was du längst begriffen hast, Was sicherlich zu üben schwerer nicht, Als zu begreifen ist, wenn du nur willst Steh' auf!'" (IV, 7.) Gottes Sein steht ihm fest Nathan tastet nicht wie Daja nach dem göttlichen Wesen. Das kann uns nie auch nur begreiflicher werden. „Längst begriffen" hat er Gottes Ratschluß. Der ist „in seinem Herzen und in seinem Munde." Er war ihm entglitten, als sein Herz erstarrte und seine Stimme erstarb. Er hat ihn wieder erfaßt mit solcher Anstrengung der Erkenntnis, daß dagegen alles Ausüben leichter erscheint Mit der Erkenntnis hat sich, nur reiner, einheitlicher, des Ziels gewisser als vordem, der Wille wieder eingestellt „loh stand und rief zu Gott: ,Ich will! Willst du nur, daß ich will!'" Spricht hier Spinoza durch Lessings Mund? Der Anklang ist unverkennbar. Doch hören wir schärfer hin! Wenn Gott mir einen Willen verleiht, so bin ich eben darum nicht unfrei Das antike und weiterhin spinozistische Ideal des „Weisen" bestimmt genau einen seelischen Zustand. Alle Handlungen ergeben sich daraus wie Folgesätze. Nathans;,Gottergebenheit" aber wirkt als ständige Anpassung äußerer Vorgänge an eine innere, stetig neu herzustellende, nie fertig formulierte Gesetzlichkeit Der „Ratschluß Gottes" läßt sich nicht einmal für allemal aufrechnen. Nathan ist geklärt, nicht abgeklärt1) Sein Wille bleibt fehlbar, aber er wird nicht mehr fehlgehen. Hätte Nathan die?•) Es ist richtig, Saladins Worte „Des Menschen wahre Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du". (III, 5) lesen sich wie eine Übersetzung aus Spinoza Eth. V, Propos. 4i, Scholium, wo von der „abweichenden allgemeinen Überzeugung der Menge" die Rede ist, nachdem vorher in der Demonstratio der „eigene Nutzen" (suum utile) auf die unbedingte Tugendübung bezogen worden war. (Vgl. Julius Bab, S. 221 des vorigen Jahrgangs dieser Zeitschrift.) Saladin sagt weiter: „Das allein macht schon den Weisen". Was aber antwortet Nathan?: „Der sich jeder dünkt zu sein". 151 10*