Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 148 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Robert Arnold Fritzsche Sic errötet über ihre Leichtgläubigkeit. Nathan verlangt etwas anderes; er schiebt es ihr leise zu als ihr Erzieher: „Vielmehr, du läßt dich gern belehren." In der gewöhnlichen Sprache hat „vielmehr" einen über der ersten und zweiten Silbe schwebenden, von dieser zu jener hinübergleitenden Ton. Hier im Vers liegt der Iktus entschieden auf „mehr" — man würde besser zwei Worte drucken. Was Lessing meint, enthüllt Goethe in der Geschichte des „Mannes von fünfzig Jahren": „Der Übergang von innerer Wahrheit zum äußeren Wirklichen ist im Kontrast immer schmerzlich . . ., und nur männliche tüchtige Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhöht und gestärkt" Recha, „ebenso naiv als weise"hegt in einer jungfräulichen Seele einen männlichen Geist Das „äußere Wirkliche" soll einfließen in die „innere Wahrheit". Meine Wahrheit reicht so weit wie meine Erkenntnis; sie ist der Wahrheit wesensverwandt, solange ich der Belehrung offen bleibe. Die Belehrung aber findet nimmer ein Ende. Wir lesen im „Berengarius Turonensis": „Das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren." Lessing versichert uns: „Die Gaben, weiche dazu erfordert werden, stehen in unserer Gewalt" Dieser Gewalt entrückt sind freilich „Mut und Entschlossenheit, welche dazu gehören, Glück und Leben der Wahrheit aufzuopfern."2) Lessing bekennt unsere Schwachheit, nur daß er sie nicht wie Pascal einer allgemeinen Verderbnis der menschlichen Natur überliefert „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen," heißt es in der Duplik gegen den Superintendenten Reß.3) Das scheint zu stimmen mit Pascals These: „Unsere ganze Würde besteht im Denken." (II, 10.) Aber Pascal hält nichts von einer Bemühung, die das Endziel verfehlt. Sie erscheint ihm als sündige Kurzweil: „Wir suchen Untersuchung." Er stellt das auf eine Stufe mit der Freude am Disputieren: Auf Betrachtung der „gefundenen Wahrheit" komme es an. (VIII, 19.) Die Wahrheit in ihrem ganzen Umfange sei uns erreichbar, doch über ihre Grundsätze entscheide das Herz, nicht die Vernunft: Deren Anmaßung wird abgewiesen; die erste und letzte Gewißheit ruht auf anderem *) Berthold Auerbach: Dramatische Eindrücke. Stuttgart i8q3. S. 5q. 2) XIV, io5 (Hempel). 3) XVI, 26. 148