Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 149 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Cicero 1× ep/1024888
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Robert Arnold Fritzsche Grunde. (X, i.) Bewußte und doch nicht der Vernunft entsprossene Wahrheit bestimmt bei Pascal im Anlauf und im Ziel den Weg des Gedankens. Lessing hingegen sieht nicht einen geschlossenen Kreis, sondern eine offene Bahn. Daß „die großen Gedanken aus dem Herzen kommen", hatte auch Vauvenargues bemerkt (Refl. et max. 127), nur darf sich das Denken innerhalb des eigenen Bereiches auf diese Herkunft nicht berufen, und darum muß es weiterschreiten in einer unabsehbaren Reihe. Leben und Sterben geht uns dabei nichts an, und wenn Pascal es unserer Verblendung zurechnet, daß wir des Todes nicht gedenken, weil wir ihn zu meistern außerstande sind (II, 3), so träfe Lessing dieser Vorwurf, wie er Spinoza trifft.(Eth. IV, Propos. 67). Pascal webt in einer anderen Freiheit als in jener, die über nichts weniger nachsinnt als über den Tod. Hier trennen sich die Wege. Aber das Herz soll nicht verkürzt werden in seinem ewigen Anspruch. Wie verhält sich denn das Herz zur Vernunft in der Seele Nathans? Die Antwort bietet der 62. Psalm. Nathan ist „stille zu Gott" und darum so anders gestimmt als Daja. „Daja: Er ist es! Nathan! Gott sei ewig Dank, Daß Ihr doch endlich einmal wiederkommt. Nathan: Ja, Daja, Gott sei Dank! Doch warum endlich? Hab ich denn eher wiederkommen wollen? Und wiederkommen können?" (I, 1.) Naturen wie diese Frau stehen immer in einer Erwartung, sind je und je gespannt auf irgend etwas, das die Zeit von außen herantragen möchte, sie dringen auf jene „Wissenschaft des Zukünftigen", mit der diesseits und jenseits des Grabes dem Menschen so „wenig gedient ist".1) Nathan sieht vor sich hin, tut, was die Stunde heischt, gestillt und gesammelt Er nimmt alles und darum nichts Einzelnes in der Vorstellung vorweg. Wird er dadurch ein Stoiker? Stoiker erzählten wohl gern, Anaxagoras habe die Nachricht vom Tode seines Sohnes mit den Worten aufgenommen: „Ich wußte, daß ich ein sterbliches Wesen erzeugt hatte".2) Als aber Daja nur die Möglichkeit andeutet, Recha wäre tot, gerät Nathan aus der Fassung. Fällt er damit aus der Rolle? Nein, die Stille zu Gott ist nicht Apathie, sie läßt das Herz frei, auf daß es wieder und wieder sich erfreue und sich betrübe und in und über dem Wechsel 1) XVII, 254 (Hempel). 2) Cicero Tusc. III i4, 00. 149 10