Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Henri Franck
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 144 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Robert Curtius trügerischen Führung französischer Nationalisten kennen lernte, stimmte ihn kriegerisch. Seine schon angegriffene Gesundheit hielt ihn wider seinen Willen vom Militärdienst fern. Der Reichtum seiner Natur drängte auf Verwirklichung. Er suchte sie im dichterischen Schaffen. Durch geistige Verwandtschaft und durch Freundschaftsbande mit dem Kreise der 1909 gegründeten „Nouvelle Revue francaise" und der von Jean Royere geleiteten „Phalange" verbunden, nahm er teil an der literarischen Bewegung der Zeit Noch konnte er die ersten Früchte seiner Dichtergabe ernten, dann raffte ihn die Krankheit hinweg, die seit Jahren an ihm zehrte — am 23. Februar 1912. Henri Franck hat in Leihniz, in Goethe, in Nietzsche Meister seines Denkens verehrt, er war ein enthusiastischer Bewunderer der Wagnerschen Musik, er hat in kurzen Reisen München und Nürnberg kennen und lieben gelernt — trotzdem haben Unkenntnis, Revanchedurst, sentimentale Theorien über die Leiden des unter preußischer Knute, wie ihm eingeredet wurde, schmachtenden Elsasses und schließlich der Nationalismus Peguyscher Observanz ihn zu gehässigen Ausfällen über Deutschland geführt, die einige Seiten seiner Briefe verunzieren. Die Giftschwaden des Völkerhasses verdichteten sich schon in jenen letzten Vorkriegsjahren. Dennoch bleibt auch für uns diese briefliche Autobiographie ein ergreifendes Dokument Sie gibt den Kommentar zu Henri Francks dichterischer Konfession, zu „La Danse devant L'Arche". Vieles in dieser großen Komposition ist nur halb gelungen oder mißlungen. Manches aber besteht noch heute und wird weiter bestehen: all das, wo Rhythmus, Bild, Erlebnis zur Einheit und Reinheit echter Poesie verschmolzen sind. Die Tragik manches modernen Juden, der an den Gott seiner Väter nicht mehr glaubt und der sich doch mit nichts zufrieden geben kann, es sei denn ein lebendiger Gott — ist hier emporgehoben in die Sphäre des Allmenschlichen und wird zum Symbol unserer gottverleugnenden und doch gottsuchenden Zeit Henri Francks Gedicht zeigt uns den jungen Leviten, der im Tempel aufgewachsen und erzogen ist; der dann ausbricht in die Ferne (der Einfluß von Andre Gides Parabel vom verlorenen Sohn ist hier spürbar); der Freunde findet und in dieser Gemeinschaft seine Sehnsucht gestillt wähnt; sich dann, nach dem Auseinanderstieben des jugendlichen Schwanns, als Einsamen wiedererkennt; noch einmal im seelischen Anschluß an eine Tradition — Frankreich, „cet ensemble de sentiments de venerations qu'on 144