Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Henri Franck
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Robert Curtius Henri Francks Familie stammte aus der jüdischen Bourgeoisie des Elsaß. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung (1886) von Drumonts „France Juive" geboren, war er als Knabe noch umgeben von der Atmosphäre politischer und kultureller Kämpfe, in denen die früher herrschenden Klassen der französischen Gesellschaft und die neue republikanische Staatsform, die sie entthront hatte, einander gegenüberstanden. Der damals entstehende französische Antisemitismus sah im Judentum das Symbol der Ideen von 1789 und ihrer Auswirkungen. Die alte liberale Tradition Frankreichs dagegen bildete zusammen mit den führenden Schichten der jüdischen Gesellschaft jene neue republikanische Bourgeoisie, aus der der französische Staat viele Kräfte zog und deren Söhne, weil sie Tolstoi gelesen hatten, von sozialem Idealismus erfüllt waren. Sie suchten ihn in der Gründung von Volkshochschulen zu verwirklichen. Er erhielt neue Nahrung durch den Geisterkrieg der Dreyfus-Affäre. Aber als die Wahlen von 1902 mit dem Sieg der republikanischen, liberalen und humanitären Idee, mit dem Triumph der tapfern und freien Geister, die für Dreyfus gekämpft hatten, zugleich alle demagogischen, sektirerischen, intriganten und profitsüchtigen Elemente der Linken an das Ruder des Staatsschiffes und an die Futterkrippe gebracht hatte, entstand in der Elite des freiheitlichen Frankreich eine tiefe Enttäuschung. Sie fiel zusammen mit einem Wandel der geistigen Orientierung. Bergsons Einfluß, damals noch in der Stille der Hörsäle und der Studierzimmer wirkend, führte viele Geister zum Katholizismus, in dem die modernistischen Tendenzen noch nicht von der Kurie verurteilt waren. Die alte, rationalistisch-klassische akademische Tradition hielt zwar noch stand. Aber als Wilhelm II. igo5 in Tanger gelandet, als wenige Monate darauf Delcasse gestürzt war, verlor sie die Führung. Die französische Elite wandte sich vom menschheitlichen und republikanischen Ideal ab. Die Hochschuljugend kehrte sich vom Sozialisten und Europäer Jaures zum Cäsarianer Barres, zum Royalisten Maurras. Damals wurde aus dem Sozialisten Peguy der Patriot, der die „realite militaire" entdeckte. Die geistige Vorherrschaft fiel dem politischen und kulturellen Nationalismus zu. Henri Franck stand damals am Ende seiner Schuljahre. Er verlebte sie in einem fortgesetzten Rausch geistiger Entdeckungen: Spinoza, Goethe, Madame de Noailles, Gide, Barres. Schon begannen seine Kameraden in ihm einen Führer zu sehen. Als 1908 die Camelots du Roi und die Studenten des Institut Catholique in die Sorbonne zogen, um die Vorlesung von Charles Andler durch 142