Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 139 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- Rashi 1× ep/1002670
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Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit gegeben. Raschi, der immer erst philologisch nüchtern unterbaut, ehe er psychologischen Argumenten Raum gibt, stützt sich auf das Wort nechona und elaj und interpretiert so: Ihr habet nicht so aufrichtig zu mir gesprochen wie Hiob; außer zweimal (die Stellen werden zitiert) hat er nicht gegen mich gesündigt Und wenn er noch mehr gesprochen hat, so war es wegen der Schwere seiner Wunden. Ihr aber habet gesündigt, weil ihr ihn für einen Bösewicht erklärt habet . . . und schließlich schwieg er." Sie haben also nicht von Gott, sondern von Hiob zu Gott (an welcher Stelle?) ungehörig geredet Aber taten sie es nicht, weil sie in ihrem Sinne an die Gerechtigkeit Gottes glaubten? Ramban, der Problematiker, geht mit den gleichen Gründen leicht über die Verurteilung der Freunde hinweg, aber er gibt nicht zu, daß Hiob weniger schuldig sei: „. . . geirrt haben beide. Aber Hiob hat aufrichtig gesagt, daß er ein Gerechter ist; sie aber haben nicht aufrichtig gesprochen, weil sie ihn für einen Bösewicht erklärten." So wird auch hier der Rechtsspruch auf eine Angelegenheit zwischen Hiob und seinen Freunden, nicht auf das zentrale Problem des Buches bezogen. Dem widerspricht aber der achte Vers des Kapitels, in welchem Hiob für seine Freunde bei Gott bitten soll, weil Gott nur ihn „ansehen" will und wieder lautet die Begründung wie im früheren Vers: „Denn ihr habet nicht recht von mir gesprochen wie mein Knecht Hiob." So wird also das Paradoxon bestätigt, daß Hiobs Frage nach der Gerechtigkeit in der Welt unerschöpflich sich erneuert und trotzdem die Antwort und damit das Leidvolle der Frage überwunden werden kann. Der winzige Mensch Hiob ist mitten unter den unendlichen Wundern der Natur nicht zu gering, als daß er seine Forderung nach Gerechtigkeit nicht stellen dürfte. Das ist der Sinn seiner Rechtfertigung. Aber er empört sich nicht mehr gegen sein Leid, denn er hat außerhalb des menschlichen Geschickes einen einheitlichen Sinn im Geschehnis der Welt erkannt Nicht wegen seiner Vergehen, nicht wegen des Vergehens anderer, nicht weil er geläutert werden soll oder sich zu bewähren hat, sondern lediglich aus Liebe zu dem erkannten einheitlichen Sinn der Welt erträgt er sein Leid. Er kann nicht ausgeschlossen sein aus der Welt, und sein Leid ist in Wahrheit das Leid der Welt Er leidet für den einheitlichen Sinn der Welt Er leidet für Gott Kein gewaltigeres Symbol des Erduldens hat die Menschheit aufgerichtet Vielleicht liegt eine Ahnung davon in jenem seltsamen Satz des Talmud, daß 139