Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 138 (sequence 11)
- Language
- German
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Friedrich Tbieberger liehen Daseins beginnen gerade erst für den Glaubenden. So wird auf der Höhe der Gottesreden (deutlich fühlen wir das Fremde der angefügten Kapitel vom Behemoth und Leviathan) die Hiobsfrage in neuer Weise aktuell. Aber wir legen wie Hiob die Hand auf den Mund, nicht weil die Frage nach dem Sinn des Leides überflüssig wurde, sondern weil die Antwort sinnlos ist Hiobs Fragen waren der Schrei nach einer juristischen Antwort; er verlangt nun keine Antwort mehr, er will sich selbst keine Antwort geben. „Siehe, ich bin zu leichtfertig gewesen; was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Ich habe einmal geredet und will nicht antworten; zum anderen Mal will ich's nicht mehr tun." So eröffnet sich hier das Paradoxon eines Fragens, das die Antwort überwunden hat Indem wir in diesem noch vieldeutigen Licht des Buches weiterschreiten, kommen wir zu der Gipfelstelle des 42. Kapitels, die klar über die Richtung entscheidet, welche auch für den Rückblick zu nehmen ist: „Da nun der Herr diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Eliphas von Theman: Mein Zorn ist ergrimmt über dich und über deine zwei Freunde; denn ihr habet nicht recht von mir geredet, wie mein Knecht Hiob." Sie also, welche den Zusammenhang von Schuld und Leiden als das Wesentliche an der Gerechtigkeit Gottes verteidigt haben, sind Verirrte; er, der Gottesankläger, hat recht gesprochen. So wird nochmals, überdeutlich und sühnefordernd, der Gedanke zurückgewiesen, daß das Leiden eine Strafe für persönliches Verschulden sei. Von hier aus wird es auch wahrscheinlich, daß die Reden des weder im Anfang noch am Schluß erwähnten Elihu dem ursprünglichen Körper des Hiobbuches nicht angehörten. Sie schieben sich vor der Grottesrede ein, die aber Hiobs Reden unmittelbar voraussetzt Elihu wendet sich gegen Hiobs Freunde, wiewohl er gedanklich nichts gegen ihre Reden vorzubringen hat und sie eigentlich seinem Ideal der Gottergebenheit entsprechen; er kennt eben das spätere Kapitel, in welchem sie verurteilt werden. Aber auch, was er Hiob vorhält: die Leiden als Zuchtmittel Gottes zu verstehen, nicht menschliche Maße von Gott zu fordern, steht im Widerspruch zur Rechtfertigung Hiobs; wären die Reden Elihus ursprünglich, hätte Hiob auch gegen ihn verteidigt werden müssen. Die kritische Stelle des Gottesurteils hat den Erklärern, die im Grunde der persönlichen Vergeltungslehre der Freunde treu waren, seit je viel zu schaffen 138