Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 137 (sequence 10)
- Language
- German
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Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit nach dem Tode das Leid zu vergelten, das gibt der Trübe dieses Lebens keinen reinigenden Sinn. Zu diesen Gedanken flüchtet nur, wer die Schwere des Monotheismus nicht ertragen kann. Die Welt wird ungöttlich, wenn es auch nur in einem Augenblick ungerechtes Leiden gibt Hiobs Bewußtsein wird der Schauplatz, auf welchem sich der ungeheure Prozeß um die Gerechtigkeit des Geschehens und Erleidens vollzieht In keiner Literatur, auch nicht unter den biblischen Büchern, findet sich eine zweite Stelle, welche die Situation des Mensch-Seins zu einer so verzweifelten und zugleich rührenden Erhabenheit hinaufspannt, wie Hiobs letzte Rufe ins Leere. Aber gewaltiger noch ist es, wie diese furchtbare Menschenhöhe überwölbt wird von der Antwort der Gottesreden. Ihre Sonderheit ließ freilich vermuten — Ernst Sellin tat es am bedeutsamsten —, daß sie in ihrer Ganzheit späterer Zusatz seien. Allein Fragen, die einem das Herz zerreißen, weil der Sinn des Lebens an ihnen hängt, wird niemand aufzeichnen, solange er nicht die Ruhe einer Antwort für sich gefunden hat Das Problem Hiobs ist nicht ein Verstandesproblem, dessen Diskussion allein schon Lustwerte verspricht Die bloße Hiobsfrage gäbe dem Buch nur einen geschichtlichen und symbolischen Wert, erst die Antwort der Gottesreden erschließt seine allzeitliche und persönliche Bedeutung. Nun sind die Gottesreden — und darin liegt das Unerschöpfliche des Buches — keine juristische Antwort auf die aufgeworfene Weltgerichtsfrage. Sie sind vielmehr eine Art Gefühlsantwort: sie erwidern die Verzweiflung der Frage mit einem Gefühl, das die Frage schwerlos macht Nicht die Hiobsfrage nach dem Sinn des Leides hört auf, sondern nur das Verzweifelnde und Unerträgliche, das mit ihr verbunden war. Die Gewalt der Gottesreden liegt darin, daß sie den Menschen aus der Sphäre seines Geschickes herausreißen und jeden Winkel seiner schmerzlichen Seele mit dem Schweigen des Weltalls erfüllen. Sie sind, selbst in der äußeren Form, Gegenfragen, welche die kosmischen Riesenvorgänge und die kleinsten Regungen eines Graswuchses von dem gleichen Willen geleitet wissen. Aber daß die außermenschliche Welt in ihrem Gleichwert planvoll und geheimnisvoll ist, daß der Hunger der Raben Gott so wichtig ist wie das Kreisen der Weltkörper, vermag niemals die Frage nach der Gerechtigkeit des Leidens überflüssig zu machen. Nur vertrauender, geborgener, liebender, gläubiger werden wir, wenn wir aus uns selbst heraustreten. Allein die Rätsel des sitt- 137