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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 136

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
Date
1926-06-01
Page
136 (sequence 9)
Language
German
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Friedrich Thieberger sieben Nächte lang. All dies ist in zwei Kapiteln entwickelt, aber mit solcher Plastik und in einer solchen Weltperspektive, daß die Symbolik dieses unerhörten Einzelfalles sofort offenbar wird. Rede und Gegenrede, jede Bewegung der Menschen, sogar ihr Schweigen wird mühelos und zieratlos aus der Wahrheit der letzten menschlichen Situation erfahren. In dem Augenblick, da das dritte Kapitel einsetzt, ist eine solche religiöse Weihe über das entsetzlichste menschliche Leid gebreitet, daß das Gefühl der Empörung oder Verzweiflung zunächst gar nicht aufkommt Erst auf diesem Unterbau monotheistischer Demut im Leiden erhebt sich das eigentliche Werk. Ohne solche Demut wäre das Aufbäumen gegen das Leid nichts anderes als der Reflex einer Selbstsucht, das Pochen auf ein Glücksrecht, nicht aber ein überpersönlicher Kampf um den gestörten Sinn der Welt. In einer ganz undialektischen Emdringlichkeit wird durch die Reden Hiobs mit seinen Freunden die Reinheit des Leidenskampfes enthüllt Eine Erklärungsmöglichkeit nach der anderen wird wie Schale abgestreift: Hiob kämpft nicht gegen sein Leiden an, weil er den Tod fürchtet, sondern weil er das Leben durchschaut hat Sein Leiden ist ihm nur Anlaß zu seiner Erkenntnis, daß das Leben an sich Leiden ist: „Was ist ein Mensch, daß Du ihn beachtest und Dich um ihn bekümmerst? Du suchst ihn täglich heim und prüfst ihn alle Stunden." Hiob kämpft nicht gegen sein Leid an, weil er sich für unfehlbar hält, sondern weil er leiden soll dafür, daß er geschaffen wurde: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe; gehet auf wie eine Blume und fällt ab; fleucht wie ein Schatten, und bleibt nicht Und Du tust Deine Augen über einen solchen auf, daß Du mich vor Dir ins Gericht ziehst Kann wohl ein Reiner kommen von den Unreinen? Auch nicht einer." Hiob kämpft nicht gegen sein Leid an, weil das Gute, das er getan hat, nicht vergolten wird, sondern weil er sich von dem Gedanken losringt, daß Leiden Strafe für persönliche Vergehungen sei: „Wollt ihr wahrlich euch über mich erheben und wollt meine Schmach mir beweisen, so merket doch einmal, daß mir Gott unrecht tut, und hat mich mit seinem Jagestrick umgeben. Siehe, ob ich schon schreie über Frevel, so werde ich doch nicht erhört; ich rufe und es ist kein Recht da." Und dieser Gedanke ist es, der ihm furchtbarer erscheint als sein Leid, weil auch er ans Weltrecht geglaubt hat wie seine Freunde. Jenseitshoffnungen braucht Hiob nicht Daß Gott ein Wesen leiden lasse, nur um es auf seine Treue zu prüfen oder um ihm 136

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