Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 135

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
Date
1926-06-01
Page
135 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895462-2896851--01026-2896899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit der Monotheismus den Gespenstersumpf bis auf den Grund trocken legte, so mußte die ewige Frage nach dem Sinn des Leides schon mit dem ersten Aufleuchten des Monotheismus in neuer Weise gestellt werden. Nicht das Problem des Hiobbuches, sondern das Personliche der Antwort spricht für die späte Entstehung des Werkes. Mit größerem religionsgeschichtlichem Instinkt wird im Talmudtraktat Baba-basra (i£b) Moses für den Verfasser gehalten, wiewohl charakterologisch genommen das Ringen Moses' um seine Gottgewißheit immer im Bewußtsein der Führerschaft, der Sendung für eine Gemeinschaft geschah, um des „Namens" willen, in welchem die menschlichen Beziehungen zum unendlichen Sein lauthaft zusammengefaßt sind und denen der Mensch nachlebt Hiob aber steht als Ausgestoßener da, als Ankläger, der Gott in die Schranken fordert, nicht damit der Mensch bestehen könne, sondern damit der Sinn der Welt bestehe Moses fleht um eine sichtbare Bestätigung seines Gottesgefühls, um die Theophanie; Hiob kämpft um die Bewährung seiner Gottesidee, um die Rechtfertigung Gottes. Im übrigen zeigt der Schöpfer des Hiobbuches eine ganz unpolemische Überlegenheit über volkstümliche Vorstellungen des Weltregimentes, von denen gerade in den ältesten Büchern des heilig eifernden Monotheismus nichts zu finden ist Schon darum müssen wir ihn zu den späten Meistern des biblischen Zeitalters rechnen. Das Hauptstück des Werkes, das nur aus strengem Monotheismus heraus möglich ist, steht ja in deutlichem Widerspruch zu den beiden einleitenden Kapiteln, in denen Gott bei einem Wettstreit dem Satan gestattet, Unheil über Hiob zu bringen. Diese dem Parsismus verwandte Erklärung des Übels aus einem bösen Weltprinzip ist ein Abfall vom reinen Monotheismus. Und obwohl — durch den monotheistischen Gedanken gedämpft — Satan nichts Böses in der Welt mehr tun darf ohne den Willen des Einen, so ist schon die Existenz einer anklägerischen Gegenmacht vor dem einzigen unendlichen Sein im monotheistischen Sinn Gespensterglaube. Dem Heidnischen in Goethe mochte die überlieferte Sanktion dieses „Prologes im Himmel" willkommen gewesen sein. Rasch durchmißt der Leser alle Phasen von Hiobs Geschick: Satans Wette mit Gott, daß Hiobs Gottesliebe nur eine Art Furcht vor Leiden sei; die Prüfungen der Armut, des Kindersterbens, des faulenden Körpers; die Ankunft der drei Freunde, die sich um den Aschenhaufen setzen, auf dem Hiob mit einer Scherbe seine Schwären schabt; das Schweigen sieben Tage und 135 9»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.