Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 134 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Thieberger menschlichen Sinnes. Für sein Gedanken-Leid gibt es kernen Trost Aber es läßt sich doch in das Gefühl einer Geborgenheit einhüllen, das immer wieder verloren wird, damit es immer wieder gefunden werde. Die beiden erhabenen Verse, die Gott am Schluß des Buches spricht, sind nicht eine göttliche Antwort, die durch eine menschliche Frage erregt wurde, sondern eine göttliche Frage, die immer wieder eine menschliche Antwort verlangt Im Grunde weiß keiner von uns, nicht nur die Bander Ninives, was „Rechts und Links" ist Gut und böse, gerecht und ungerecht sind nicht eine Einteilung für Gott, sondern für den Menschen. Ihm, dem unendlichen Sein, sind alle gleich nah, Mensch und Tier und Pflanze, denn Gott hat sich um jedes „gemüht". Es besteht kein Vorzug an Rechten für den, der in menschlichem Sinn Gutes tut und Gerechtigkeit will, sondern nur ein Vorzug an Liebe zum unendlichen Wesen, die er fühlt, wenn er um dieses unendlichen Wesens willen gut und gerecht ist Allein das Übermaß an Weltliebe, die ein Übelwollender erfährt, ist selbst für den Gedanken, daß hinter dem rätselhaften Auf und Ab der Welt Gerechtigkeit das Gleichgewicht schafft, nicht erschütternd. Darum bleibt die Erzählung des Buches Jona trotz aller inneren Bewegung episch und mit dem Flaum einer leichten Ironie überhaucht Erst das schuldlose Leid ruft zum dramatischen Kampf gegen das Chaos auf. Die gangbare Religionsgeschichte, die von der politischen und wirtschaftlichen Geschichte den Gedanken allmählichen Aufstiegs bis zu unserer heutigen freien „Höhe" gern übernimmt, setzt für die bloße Entdeckung der Frage, warum es dem Guten schlecht gehe, ein paar Jahrhunderte an. Erst das siebente und sechste vorchristliche Jahrhundert — Jeremia und Ezechiel — habe der Zweifel über den Zusammenhang von Leid und Schuld zu beschäftigen begonnen und darum falle das Hiobsproblem, der Schrei des liebeempörten Menschen gegen das unverschuldete Leid, zumindest in das fünfte Jahrhundert Aber ich glaube, daß man sich die gedankliche Revolution des Monotheismus, die wahrhafte und einzige „Welt"-Revolution, viel zu sanft und beschaulich vorstellt, nicht als Erweckung, die den Menschen in allen seinen Lebensbreiten elementar erfaßt, sondern als Wahrscheinlichkeitsrechnung, die man nach immer feineren Methoden überprüft Die Frage nach der Ursache des Leides ist eine weitaus reichere Quelle für den Gespensterglauben als die Freude an den Rätseln der Natur. Und wenn 134