Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 133 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit Darum hat den jüdischen Erklärern — denen sich auch Calvin anschloß — nur der Mensch Jona, dieser grausame Melancholiker, Rätsel aufgegeben. So erklärt der Midrasch, den Raschi übernimmt, daß Jona den Untergang der bußfertigen Stadt wünschte, um nicht als Lügenprophet dazustehen. Eine zweite jüdische Erklärung, der auch Kimchi, Abravanel und Ibn Esra folgen, meint, Jona habe es nicht ertragen, daß ein fremdes Volk durch Buße gerettet werde, die Juden aber, die verstockt blieben, untergehen müßten. Allein alle diese Deutungen passen nicht recht zu der Pointe des Buches: dem gleichnishaften Erlebnis mit der Eintagspflanze. Warum wünscht sich Jona den Tod, als der Kikajon durch den Stich eines Wurms verdorrt? Nur weil ihn die Pflanze vor der Sonne geschützt hat? Es läßt sich nicht scharf genug hervorheben: die Rettung der Stadt und die Vernichtung der Pflanze erregen in ihm das gleiche Gefühl! Der Vers, der von Jonas Hütte außerhalb der Stadt erzählt, wird allgemein für später eingeschoben gehalten, weil es unverständlich sei, daß sich jemand über den Verlust einer schützenden Pflanze zu Tode gräme, wenn er nebenan den Schatten einer Hütte finde. Aber merkt man nicht die feine Absicht des Erzählers, den Gedanken gar nicht aufkommen zu lassen, daß der Todeswille Jonas nur der gesteigerte Ärger über den verlorenen Baumschatten sein könnte? Man muß eben den Todeswillen Jonas, sein scheinbar nur physiologisches „Matt-Werden" unter dem verschrumpfenden Baum, aus der gleichen religiösen Verfassung begreifen, wie seine Erschütterung vor dem geretteten Ninive. Dann sieht man auch in das Innere des widerspruchsvollen Mannes: Wir wollen einen Sinn in den Gang der Welt legen, aber der Gang der Welt ist — für uns zumindest — sinnlos. Für diese Sinnlosigkeit gibt es kein deutlicheres Beispiel als gerade die Eintagspflanze; über Nacht wächst sie auf und durch den Stich eines Wurms verdorrt sie. In Jonas Verzweiflung liegt keine Empörung gegen Gott; er zweifelt keinen Augenblick an der Weltliebe und dem Weltplan, aber das Leben ist ihm unerträglich, da er überall geheimnisvolle Willkür sieht Nichts in der Welt geschieht ohne Anstoß eines letzten Willens, aber es ist vergeblich, irgendeinen Sinn in diesem Willen zu erkennen. Wir Menschen sind nicht imstande, ohne die fordernde Scheidung von Gut und Böse zu leben, aber unser Gut und Böse, unser „Rechts und Links" hat keinen Bezug auf den Sinn der Welt Darum ist Jonas Leben von allem Anfang an nicht ein Ärger über einen milden Gott, sondern demütige Flucht vor der Sinnlosigkeit eines über- 133 9