Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 132

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
Date
1926-06-01
Page
132 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895462-2896851--01023-2896896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Friedrich Thieberger Widersprüche aufdecken muß, um den zentralen Punkt zu finden, von dem aus sie vielleicht nicht gelöst, aber möglich werden. Man hat sich eigentlich seit je sehr schnell über den Menschen Jona beruhigt Seine Flucht vor Gott setzte man seinem Ärger über die Rettung der großen Stadt gleich. Man gab sich kaum Mühe, an der Unmenschlichkeit eines Propheten zu zweifeln, der sich den Tod wünscht, weil Tausende von bußfertigen — und man betonte: — Heiden nicht zugrundegehen. Diesem Jona war man religiös überlegen. So meint Luther, „daß er der Stadt Ninive feind gewest und noch eine jüdisch fleischliche Meinung von Gott gehabt"; so meint Duhm: „(Das Buch Jona) macht darauf aufmerksam, daß die Heiden und ihre unschuldigen Kinder, sogar das Vieh, auch Geschöpfe Gottes sind, für die er doch auch wohl ein gewisses Mitgefühl haben muß;" und Cornill: „Herrlicher und ergreifender ist es im Alten Testament niemals ausgesprochen worden, daß Gott eben als Schöpfer der ganzen Welt auch zugleich der Gott und Vater der ganzen Welt sein müsse . . ., für den es keinen Unterschied von Nation und Bekenntnis gibt" Man nahm also den Konflikt in der Seele Jonas höchst geradlinig und noch dazu entwicklungsgeschichtlich: Jona, der verbissene Jude, wisse noch nichts vom liebenden Allgott, der sich freilich nur hie und da im Alten Testament ankündige. Nicht der Prophet Jona, den das zweite Buch der Könige erwähnt und dem unser Büchlein unterschoben ist, sondern der unbekannte Verfasser selbst würde den symbolischen Namen seines Helden verdienen, weil er in Wahrheit die Taube einer neuen Weltbotschaft ist Wie durfte man aber Jona solche Gedanken unterschieben, da er doch auf den Untergang der zu Gott zurückgekehrten Menschen Ninives wartet? Wäre er der eingefressene „Judenfanatiker", so hätte gerade sein nationaler Erfolg in Ninive ihn müssen aufjubeln lassen. Aber mehr: Jonas scheinbar beengte Anschauung vom Gang der Welt wird nicht gegen di3 höhere ausgespielt, die etwa in der Vision Moses sich offenbart; und Jona wird zu dieser höhern nicht erst bekehrt, vielmehr ist sie seit je ein Stück seines Bewußtseins. Er selbst gebraucht in einem fast rechtfertigenden Ton und mit gewollter Anspielung Worte des zweiten Mosesbesuches: „Das war es ja, das ich sagte, da ich noch in meinem Lande war, deswegen ich zuvorkommen wollte, nach Tharsis zu fliehen. Ich weiß ja, daß Du gnädig, barmherzig und von großer Güte bist und läßt Dich des Übels reuen." Gerade das Bewußtsein von einem „allgütigen" Gott ist die Voraussetzung für den Kampf den er kämpft 132

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.