Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 130 (sequence 3)
- Language
- German
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Friedrich Thieberger rechtigkeit; monotheistisch ist der Spruch: Zadik jesod olam, der Gerechte ist die Grundfeste der Welt Von dem schmalen Fahrzeug seiner Wirklichkeit die Anker ins Absolute werfen, ist das große Wagnis des Monotheisten. Darum bleibt „Zedakah" ein unübersetzbares Wort des monotheistischen Hebräisch. Es zeigt in jedem anderen Sprachprisma seine Nuancen: Wohltätigkeit, Rechtlichkeit, Mittlerschaft Und es meint doch nur das eine: um des Unendlichen willen leben und handeln. Aber der Glaube an eine absolute Gerechtigkeit in der Welt hat seit je mit dem Widerspruch der menschlichen Erfahrung gerungen und sich an ihm gewandelt Ja, die verzweifelteste Frage des Monotheismus, die der übrigen Antike fremd blieb, ist diese: Kann der Mensch auch nur gerecht sein wollen? Und hart daneben: Ist das Leid die Buße für verletzte Gerechtigkeit? In der Organisation unseres Denkens, das alle Erscheinungen ursächlich verknüpft, nimmt das Leid die Stelle des Ordnungstorers oder Neuordners ein. Darum wird ebenso die Schuld wie die Strafe nach Leidensmaßen gemessen. Die polytheistische Antike kannte dem Leid gegenüber nur die eine Geste: das Sinnlose ertragen. Der Buddhismus, dem das Leid als Sinn und Antrieb des Lebens galt, verkündete: Dem Leid entgeht, wer sich von der Leidenschaft zu leben befreit Dem Judentum war das Leiden Hemmnis der Welteinheit, Widerspiel der absoluten Gerechtigkeit, Unruhe in der Gottesliebe Hier nützte es nichts, bloß zu ertragen oder zu entfliehen, hier war der Sinn der Welt zu retten. Welche gewaltige Szene, als Abraham im Gebet um Sodom immer fordernder, strenger an Gott herandrängt! Es geht gar nicht um die unbekannten Menschen in Sodom und nicht um das Mitleiden Abrahams, es geht ums letzte, um Gott: „Fem sei es von Dir, daß der Richter der ganzen Erde nicht Gerechtigkeit üben sollte!" Der gleiche verzweifelnde und fast schon anklagende Aufschrei bei Moses: „Ein Mann hat sich vergangen und das ganze Volk wolltest Du vernichten?!" Und hoffnungsloser, mit neuem Blick auf den Zustand latenten Leidens bei Jeremia: „Ich weiß, Herr, daß Deine Wege gerecht sind, aber das Maß möchte ich kennen, nach welchem Du richtest!" Die kosmische Diskussion über die Gerechtigkeit in der Welt war also erst durch den Monotheismus eröffnet worden. Vielleicht mit erschüttertem Gefühl, aber doch als gedankliche Lösung nahm Plato eine „böse Weltseele" an, so etwas wie einen Sauerteig in allem Stofflichen. Für den wahren Monothe- 130