Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 129 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Friedrich Thieberger: Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit Wenn Sokrates, dieser Liebhaber des Lebens, in den Tod ging, weil er von ungerechten Gesetzen verurteilt war, so legte er damit nur ein heroisches, aber nicht tragisches Bekenntnis zum Recht als einem Machtvertrag ab. Keine Wendung seines Denkens läßt darauf schließen, daß er mit seinem Tod einen Umsturz des Machtvertrages, eine Revision des Gerechtigkeitswillens erhoffte. Gerechtigkeit bleibt für den Menschen der klassischen Antike immer nur die parteilose Zuerkennung — oder im Fall der Verletzung: der parteilose Schutz — von Vertragsrechten, damit das Gemeinwohl bestehe. Völlig verwandelt aber wird der Begriff der Gerechtigkeit durch den Monotheismus. Harmonie ist nicht mehr eine Sehnsucht des Menschen; Harmonie ist ihm äußere Gewißheit Die Welt hat einen einheitlichen Sinn; alles, was geschieht, nicht nur was Menschen tun, vollendet sich um Gottes willen. Nicht ein Vertrag bindet mich an den Nebenmenschen, nicht die Anerkennung seines Rechtes auf innere Entfaltung, sondern — er mag stark oder schwach sein, entfaltungsfähig oder verkümmert — die Liebe zum einzigen göttlichen Sein, dessen Werk er ist, wie ich. Da ich das Heilige in ihm entdecke, habe ich ihm keine Rechte zuzuerkennen, habe ich ihn nicht danach einzuschätzen, was er leistet oder leisten kann, ich habe ihn über den Umweg „Gott" als großes, brüderliches Mysterium zu lieben, das heißt eigentlich nicht ihn zu lieben, sondern Gott in ihm. Jetzt erst — und auch nur allmählich — enthüllt sich der Ewigkeitszweck des Lebens: das allschaffende, unendliche Sein hat mit mir, dem Endlichen, Werdenden etwas vor. Und die Gerechtigkeit, die ich verlange und die mich leitet, ist nicht nur ein Gefühlsphänomen, etwa Liebe zu gedeihlicher Ordnung, sondern geradezu eine logische Notwendigkeit: die Welt als Werk eines Gottes wird sinnlos, Gott wird sinnlos, wenn es nicht hinter den Kulissen der schaubaren Welt in ihren geheimsten Absichten mit Gerechtigkeit zugeht. Es kommt nicht darauf an, ob es mir gut geht oder nicht, ja, ob ich lebe oder nicht, aber es kommt alles darauf an — und mir persönlich kommt es darauf an —, daß unter einem unendlichen Aspekt Gerechtigkeit walte. Gerechtigkeit ist nunmehr nicht bloß eine soziale Tugend, sie ist der Sinn des von Menschen losgelösten Geschehens, sie ist der Sinn des Absoluten. Die monotheistische Welt stürzt zusammen, wenn es nicht auch jenseits alles menschlichen Denkens und Wollens Gerechtigkeit gibt Polytheistisch (oder atheistisch) ist der Satz: iustitia fundamentum regnorum, die Grundfeste aller Herrschaft ist Ge- 129