Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 128 (sequence 1)
- Language
- German
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Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit Von Friedrich Thieberger Der Sinn, den wir dem Zusammenleben der Menschen geben, bestimmt jdie Richtung unseres sozialen Handelns. Die Frage nach diesem Sinn, also eine religiöse Frage, ist die unerläßliche Vorfrage jedes Gerechtigkeitswillens. Die polytheistische Religiosität flüchtete aus dem Schauer vor der streitenden Vielheit der Welt in den Wunsch nach Ausgleich und Harmonie. Das Recht, als Handhabe der Gerechtigkeit, wurde ein Vertragsrecht, ein Waffenstillstandsrecht Gerecht sein hieß vertragstreu sein. Als die griechische Philosophie mit dem Harmoniegedanken die menschliche Seele und die Möglichkeit ihrer Entfaltung entdeckt hatte und als sie die aufleuchtende innere Welt vor dem Wirrlicht des Außen schützen mußte, da entstand wohl der Glaube an den Wert des Menschen um seines Menschseins, nicht um seiner Machtmittel willen und Gerechtigkeit bekam den Sinn eines hochgehaltenen Anspruchs auf solche äußere Bedingungen, unter denen sich die seelischen Anlagen eines jeden entfalten könnten. Dieser Gedanke wies auch dem Recht neue Wege. Aber er änderte nichts daran, daß die Gerechtigkeit weiterhin zweckhaft blieb, zwar die höchste Tugend (wie Aristoteles sie nannte) im mitmenschlichen Verkehr, dennoch nicht durch sich selbst wertvoll, wie sittliche Tapferkeit oder Besonnenheit, sondern nur Wegeebnerin des Glücks. Eudämonismusist das Kennzeichen der früh- und spätantiken Gerechtigkeitsidee. Man war noch nicht zum Gedanken des immanenten Leides durch das Menschsein erweckt worden, man erwartete alles von der Ordnung der äußeren Güter, sei es für den sittlichen, sei es sinnlichen Genuß. Nur darin unterschieden sich die philosophischen Generationen, in welchem Maße sie ihr Glück dem Recht unterstellten. 128