Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 125 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Salomon Maimon nicht zuletzt durch die von Kindheit an getriebenen jüdischen Wissenschaften logisch vorgeschult und im abstrakten Denken geübt, eignete Maimon sich in kurzer Zeit all das zum wissenschaftlichen Arbeiten notwendige Wissen an, das zu erwerben andere, die in die deutsche Kultur schon hineingeboren und in ihr erzogen werden, einen großen Teil ihrer Lebenszeit verwenden. Er, der im Mannesalter erst angefangen hatte, eine moderne Kultursprache lesen und verstehen zu lernen, wurde bald zum Lehrer für manche seiner deutschen Zeitgenossen. Zunächst ließen es sich die Herren im Spaß gefallen, bei diesem merkwürdigen Juden Informationen über Werke der deutschen wissenschaftlichen Literatur zu nehmen. Aus dem Spaß wurde aber sehr bald Ernst, und die sich ihm eben noch für weit überlegen Geglaubten zu seinen aufhorchenden Schülern, die in diesem fremden, noch halb Jargon redenden Juden einen überragenden philosophischen Geist anerkennen mußten. Doch dieser dem zentralsten ostlichen Ghettotum Entstammende, der die westeuropäische Kultur geistig vollkommen in sich auf genommen hatte, war weit mehr als ein im herkömmlichen Sinne gebildeter und belesener Mensch geworden; er gehörte bald zu den regsten, schöpferischen philosophischen Köpfen des damaligen Berlin. Die stattliche Anzahl der hinterlassenen Werke zeugen für seine wissenschaftliche Produktivität, die Anerkennung und das Lob von hervorragenden Männern der Zeit für seine geistige Bedeutsamkeit. Maimons philosophische Stellung ist am besten aus seinem „Versuch über die Transzendentalphilosophie" zu erkennen, der wohl — neben seinem „Versuch einer Logik", worin er eine neue Theorie des Denkens geben will — als sein philosophisches Hauptwerk angesehen werden muß. Dieses Werk erwuchs ihm aus und mit dem Studium der während seines letzten Berliner Aufenthaltes1) erschienenen Kritik der reinen Vernunft Kants und ist, zunächst als eine Art Glossarium zu dem Kantischen Werk gedacht, in steter Entwicklung zu eigenen Prinzipien einer kritizistischen Philosophie gelangt Der große Königsberger, dem Maimons Manuskript durch Marcus Herz übersandt worden war, zollte dem jüdischen Denker, der sich halb als sein Gregner zeigte, höchstes Lob. In seinem Antwortsichreiben an Herz sagt Kant u. a.: „. ... ein Blick . . . gab mir bald die Vorzüglichkeit (des Manuskripts) zu *) Maimon hat sich nicht dauernd in Berlin aufgehalten. Nach größeren oder kleineren Pausen kehrte er aber immer wieder nach dieser Stadt zurück, die stets von neuem ihre Anziehungskraft auf ihn ausübte. 125