Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 124 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895462-2896850--01014-2896888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sophie Cassel Drei Jahre blieb Solomon in Posen, war während dieser Zeit als Hauslehrer tatig und hielt einem privaten Kreise gebildeter Juden Vorlesungen über Gegenstände der Religionsphilosophie Das gute Leben, das er hier führte, ließ ihn jedoch seine alte Sehnsucht nicht vergessen: als nunmehr zivilisierter Europäer und diesmal Postwagenfahrgast unternimmt er seine zweite Berliner Reise. Er hatte es als Postpassagier nun auch nicht nötig, vor dem Rosentaler Tor zu warten. Die deutsche Hauptstadt stand ihm offen. Mit seinem Aufenthalt in Berlin, dem Mittelpunkt des damaligen Geistes¬ und Kulturlebens in Deutschland, beginnt der zweite große Abschnitt in Salomons Leben. Hier eigentlich vollzog sich seine neue Bildungsform. Das erste, was dem Wissenshungrigen in die Hände fällt, ist Wolffs Metaphysik. Zum erstenmal wird damit Maimon ein Werk eines zeitgenössischen Philosophen bekannt, und zwar ein streng durchgeführtes, zusammenhängendes System moderner metaphysischer Grundsätze. Die Wirkung auf seinen empfänglichen Geist war gewaltig. „. . .; nicht nur diese erhabene Wissenschaft an sich, sondern auch ... die Methode des berühmten •Verfassers, . . . seine Strenge im Beweisen und seine wissenschaftliche Ordnung im Vortrage zündeten in meinem Geiste ein ganz neues Licht an." Die Qnlologie, Kosmologie und Psychologie nimmt Maimon begierig auf; der theologische Teil der Wolffschen Lehre aber läßt ihn unbefriedigt Er schreibt eine Disputation in hebräischer Sprache darüber und schickt diese Schrift, zusammen mit einem Aufsatz über natürliche und geoffenbarte Religion, an Moses Mendelssohn. Mendelssohn wunderte sich nicht wenig über ein solch ungewohntes Beginnen, Probleme der modernen deutschen Philosophie in hebräischer Sprache abzuhandeln, noch mehr aber darüber, daß ein polnischer Jude, der kaum die Wolffsche Metaphysik zu Gesicht bekommen hatte, schon so weit in ihre Tiefe eindringen konnte. Die Angriffe des Talmudisten gegen Wolff, den beherrschenden Philosophen des deutschen Geisteslebens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, findet er in der Tat begründet Er zieht Salomon zu sich heran, sorgt in jeder Beziehung für dessen Wohlergehen und empfiehlt ihn an die vornehmsten und gebildetsten Juden seines Kreises. Deren Häuser und Bibliotheken standen seinem Schützling nun offen. Mit der ihm eigentümlichen bewunderungswürdig raschen und sicheren Auffassungsgabe, seinem durchdringenden Scharfblick für geistige Dinge und 124