Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Salomon Maimon Nach monatelangen Faß Wanderungen, unter Entbehrungen und Elend aller Art, steht Salomon endlich nahe vor dem Ziel seiner mühseligen Reise and aller seiner Hoffnungen: vor dem Rosentaler Tor1) vor Berlin — und wird schmerzlich und bitter enttauscht Ein allzu eifriger Orthodoxer nämlich, der im Gespräch von Salomon erfahren hatte, daß dieser in Berlin nicht allein Medizin zu studieren, sondern sich auch noch mit den anderen profanen Wissenschaften zu beschäftigen gedenke und überdies den More Newuchim des Maimonides mit einem eigenen Kommentar neu herausgeben wolle 2), benachrichtigte die Ältesten der jüdischen Gemeinde, stellte ihnen die Gefahr vor, die durch solch einen Freidenker dem Judentum drohe und setzte so die Verweigerung der Aufenthaltsgenehmigung durch. Man drang auf schleunige Abreise des Fremdlings und ließ nicht eher nach, bis dieser sich jenseits des Tores befand. Hier warf sich Salomon verzweifelt auf die Erde nieder und weinte bitterlich. Als wirklicher Betteljude zog er nun weiter, zusammen mit einem jüdischen Bettler ex professo, der sich vergeblich abmühte, Maimon die Kunst des Betteins beizubringen, von diesem aber während der Zeit ihres Umherwanderns über viele Dinge des menschlichen Wissens und Tuns belehrt wurde. Auf die kümmerlichste Weise schlug sich dieses ungleiche Paar bis Posen durch. Hier endlich erfuhr das Schicksal Maimons eine Wendung zum Guten. Von den Juden dieser Stadt, die in ihm den Talmudgelehrten erkannten und verehrten, wurde Salomon auf das herzlichste empfangen. Der Oberrabbiner selbst versorgte ihn, den an Kräften und Kleidung ganz Heruntergekommenen, in rührender Weise mit allem Notwendigen. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt später Maimon den Augenblick, da er zum ersten Male sich wieder in ein wirkliches, reines Bett legen durfte, als einen der glücklichsten seines Lebens. Überhaupt war der Aufenthalt in Posen reich an Ehrungen und Freuden für ihn. Die jüdischen Gelehrten der Stadt kamen, um ihn als einen berühmten reisenden Rabbiner aufzusuchen und mit ihm zu disputieren. x) Da in der Reichshauptstadt damals keine „Betteljuden" geduldet wurden, hatte die jüdische Gemeinde am Rosentaler Tor ein Haus bauen lassen, worin die Zuwanderer aufgenommen und über ihr Vorhaben und die Art ihrer Beschäftigung, die sie treiben wollten, befragt wurden. Nach Ermessen wurde entweder das Gesuch befürwortet oder aber die Armen wurden weitergeschickt. 2)Was auch später wirklich geschah. Unter dem Titel: „Gibat ha-More" erschien von ihm in Berlin 1791 ein hebräischer Kommentar zu Maimonides' obengenanntem Werke. 123