Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 122 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sophie Gass«! freizumachen, bemühte er sich, auch andere, seine Freunde und Talmudjünger, für seine neuen Erkenntnisse zu gewinnen, was ihm freilich nicht immer gelang. Er versuchte sich auch als Arzt, besuchte Kranke, bestimmte, wie er es aus den Büchern gelernt hatte, nach den Symptomen die Art der Krankheit und verschrieb schließlich gar Rezepte. Doch sah er das Unzulängliche eines solchen Treibens bald ein. Diese Selbsterkenntnis, seine immer größer werdende Sehnsucht nach wirklicher wissenschaftlicher Bildung und nicht zuletzt der Umstand, daß er, nach seinem eigenen Geständnis, sich nicht mehr zu seinen gewöhnlichen Beschäftigungen schicken wollte und sich daher überall außerhalb seiner Sphäre befand, bewog ihn endlich zu einem unter den gegebenen Verhältnissen ungeheuren Entschluß: nach Deutschland zu reisen, um dort Medizin und zugleich auch die anderen Wissenschaften zu studieren. Es gelang ihm, von einem reisenden Kaufmann bis Königsberg mitgenommen zu werden. Diese Reise, die er in seinem 25. Lebensjahre angetreten hat, sollte bestimmend für sein ganzes ferneres Leben werden. Eindrucksvoll und charakteristisch ist das erste Zusammentreffen mit den kulturell und wissenschaftlich fortgeschrittenen deutschen Juden. Salomon hatte sich in Königsberg an einige jüdische Medizinstudierende gewandt Diese, als sie hörten, daß der verwahrlost aussehende, fremdartig gekleidete polnischlitauische Jude mit einem schon ziemlich starken Bart und einer unmöglichen Sprache ihr Kommilitone werden wollte, brachen in helles Lachen aus und belustigten sich noch mehr, als Maimon ihnen klarzumachen versuchte, daß er die deutsche Sprache vollkommen verstehe, auch schon einige Kenntnis der deutschen Wissenschaft erlangt habe und, zum Beweis ein gerade daliegendes Exemplar von Mendelssohns Phädon zur Hand nehmend, eine Stelle daraus vorlas und auslegte — in seinem jüdisch-deutschen, mit hebräischen, polnischen und russischen Brocken vermischten Idiom natürlich, wovon die Studenten kein Wort verstanden. Die spöttische Heiterkeit der jungen Leute schlug aber in Staunen und Bewunderung um, als Maimon, auf ihre Aufforderung hin, das eben Vorgetragene ins Hebräische, dem sie wohl folgen konnten, übersetzte. Der merkwürdige Glaubensgenosse gewann ihre ganze Verehrung. Sie rieten ihm, nach Berlin zu gehen, wo er seine Absichten am ehesten würde erreichen können und versorgten ihn, so gut sie es vermochten, mit Reisemitteln für die nächste Zeit 122