Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 120 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sophie Cassel Auf dem litauischen Pachtgut seines Großvaters etwa um das Jahr 1753 geboren, ist er wenigstens in den ersten Kinderjahren von dem Elend und der Enge der Judengasse verschont geblieben und konnte, was den in Städten lebenden Ghettokindern von je versagt blieb, im Freien sich austoben. Aber schon nach seinem sechsten Lebensjahr war diese Herrlichkeit vorbei: er wunde nach der Stadt gebracht zum Besuch des Cheder, einer dumpfen, dunsterfüllten Schulstube, in der der arme junge Geist vom Morgen bis zum Abend fast ohne Unterbrechung, aufs höchste angespannt, zur Frühreife getrieben wurde. Für die kleinen Chederknaben begann damit schon früh der Ernst des Lebens. Salomons Fortschritte im „Lernen" während der nächsten Jahre und die damit Hand in Hand gehende allgemeine Entwicklung zeigen ihn als den typischen Talmudwunderknaben. Mit elf Jahren soll er seinen Kenntnissen nach schon ein fertiger Rabbiner und als solcher in der ganzen Gegend bekannt und geehrt worden sein. In diesem Alter wurde er, wie es zu jener Zeit bei den litauischen Juden Sitte war, auch schon verheiratet Mit i4 Jahren bekam er seinen ältesten Sohn David. Seine Schwiegermutter hatte ihm sechs Jahre „Kost" zugesagt; aber schon nach einem halben Jahr verließ Salomon ihr Haus, müde der ständigen, häßlichen Zänkereien mit dieser Frau, die sich inzwischen als eine Xanthippe entpuppt hatte. Er nahm eine Hauslehrerstelle an und kam von Zeit zu Zeit, später nur an den großen Festtagen heim seine Frau zu besuchen. „Mein Leben in Polen seit meiner Verheiratung bis zu meiner Auswanderung, welches die Blüte meines Alters in sich begreift, war eine Reihe von mannigfaltigem Elend, Mangel an allen Mitteln zur Beförderung meiner Entwicklung . . ., bei deren Beschreibung mir die Feder aus den Händen fällt, und deren schmerzhafte Zurückerinnerung ich in mir zu ersticken suche", sagt Maimon in seinen Aufzeichnungen aus späteren Jahren von dieser Zeit Nichtsdestoweniger war die ganze Energie des jungen Talmudgelehrten darauf gerichtet, seine geistige Bildung zu fördern und vielseitiger zu gestalten. Er entfaltet eine bewunderungswürdige Geistestätigkeit: neben dem Talmudstudium, das noch immer seine Hauptbeschäftigung blieb, versenkt er sich in die Schriften des Moses Maimonides; studiert er, nachdem es ihm gelungen war, die sehr schwer zugängliche kabbalistische Literatur zu erhalten, diese durch und verfaßt eine umfangreiche Abhandlung1), enthaltend seine eigenen Gedanken *) Diese Schrift, betitelt: „Über Kabbala" ist nicht gedruckt worden. Das Manuskript scheint leider verlorengegangen zu sein. Nach Maimons eigenem Zeugnis brachte er es noch 120