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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 108

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Neuhebräisch?
Date
1926-04-01
Page
108 (sequence 4)
Language
German
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Franz Rosenzweig wenigstens das heutige, in Wort- und Formbildung dem Hebräischen sehr nah, im Wortschatz trotz durchgängiger etymologischer Beziehungen sehr fern steht. So ist ein Hebräisch, das wie andre Sprachen sich auf seine Gesprochenheit allein verlassen möchte, fast wehrlos der arabischen „Überfremdung" preisgegeben. Aber das sind, wie gesagt, alles nur theoretische Erwägungen. Die freilich von den eigenen Theorien der Beteiligten ausgehn, aber eben nur von ihren Theorien und nicht von ihrer mit Notwendigkeit grade entgegengesetzt gerichteten Praxis. Man kann eben nicht so Hebräisch sprechen wie man möchte, sondern man muß es schon so sprechen, wie es einmal ist. Und es ist vergangenheitsgebunden und weltverpflichtet, auch im Munde des jüngsten Siedlcrkindleins der neustgegründelen Sicdelung. Denn das Zentrum, welches das neue Palästina in vormessianischer Zeit ja höchstens werden könnte, würde in dieser Zeit mit nichten Zentrum im Sinne Achad Haams sein, der eben den voreiligen Messianismus bremsen wollte und ihm dann in seiner Kulturseligkeit doch grade verfiel, sondern nur im Sinne der — Mathematik. Denn zwar anschaulich liegt der Kreis um seinen Mittelpunkt herum, aber konstruktiv ist mit dem Mittelpunkt noch garnichts Ober die Fläche entschieden, die der Kreis einnehmen wird, während schon mit dem kleinsten Stückchen Peripherie der Ort des Mittelpunkts eindeutig festgelegt ist. So wird auch ein geistiges Zentrum, wie es in Palästina erhofft werden kann, zwar weithin sichtbar und so für das Gesamt]udentum repräsentativ sein; aber wenn es Zentrum sein will und nicht irgend ein beliebiger, in jedem Sinne exzentrischer Punkt, so muß es sich von der Peripherie und von ihrem Daseinsgesetz abhängig machen, — solange es eben eine Peripherie gibt, also in jeder vormessianischen Zeit. Also, nüchtern bis zur Blasphemie ausgedrückt: der Geist dieses geistigen Zentrums kann sich garnicht, auch wenn er es noch so gern möchte, im Sinne des reinen, hemmungslos entwicklungslustigen Nationalismus entwickeln; er muß, um seines Zentrumscharakters willen, dauernd Rücksicht nehmen auf die Peripherie, deren Lebensgesetz jener reine Nationalbmus nun einmal nie sein kann, sondern die immer gezwungen sein wird, ihr nationales Element als eine Funktion des religiösen zu behandeln, aus einfachen Gründen der Minderheitssoziologie. Gründe, die dann freilich, wenn man ihnen nachgeht, wieder rasch aus dem Blasphemischen heraus und in das Metaphysische hineinführen: denn warum sind wir immer Minderheit gewesen? und warum können wir nicht aufhören es zu sein? Was hier allgemein gesagt ist, das gilt nun ganz und gar von dem Kern alles nationalen Daseins, von der Sprache. Sie kann nicht werden wie sie will, sondern sie wird werden wie sie muß. Und dieses Muß liegt nicht wie bei jeder natürlichnationalen Sprache in ihr selber, sondern außerhalb ihrer Gesprochenheit, in der Erbmasse der Vergangenheit und in' dem gewahrten Zusammenhang mit denen, deren Judentum notwendig wesentlich das des Erben ist. Die doppelte Bindung in ihrer Unnormalilät bedeutet aber zugleich, je spürbarer sie ist, eine Lösung von den Fesseln der Normalität. Es ist nicht die Aufgabe einer Spinozaüberselzung, aus dem Scheintiefsinn dieses großen Verlockers echte Gedanken zu machen; sie hat Obersetzung zu bleiben, mag auch das Hebräische unter der Last eines Begriffs wie „natura sive Deus", die das Lateinische ganz munter trägt, die aber hier eine durch keines Oders Glätte dem Sprachgeist aufzulistende Verkoppelung eines späten Philosophieworts mit einem schöpfungssturmumwetterten Urwort bedeutet, ächzen und stöhnen. Nur beiläufig kann sich da die Eigenart der ewigen Sprache durchsetzen. So etwa wenn die drei Trommelschläge: q. e. d., deren „was zu beweisen war" in eintönig-unaufhörlicher Wiederkehr das Buch durcbhallt, hebräisch durch das talmudische, wie üblich zu zwei Buchstaben abgekürzte, „hörs daraus 1" ersetzt werden; und dies, obwohl auch das Hebräische ein ebenso wie das griechische und lateinische und — deutsche Wort für Beweis aus der Welt des Auges genommenes Wort bietet. Da ist man einmal unmittelbar Zeuge, wie mitten im Lager des Feindes, im Herzpunkt der „geometrischen" Methode, das bild- und gestaltfeindliche Wesen der Offenbarung — Gestalt habt ihr keine gesehen, Stimme allein — durchbricht. Was ich mit der Lösung aus den Fesseln der Normalität meine, kann ich deutlicher an einem andern Beispiel erläutern. Vor mir liegt ein zionistisches Bilderbuch mit Landschaften aus Palästina und zweisprachigem Text. Das 108

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