Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Neuhebräisch?
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 107 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Neuhebräisch? reicher; während die Sprachen der Völker unter dem Gesetz einer dauernden und unter dem Schicksal gelegentlicher katastrophaler Selbstreinigung stehen; die sichert ihnen trotz Schriflwerdung und in deren Gefolge eines Tages eintretendem Klassischwerden eines bestimmten historischen Sprachzustands (das Klassische also gewissermaßen die wellliche Heiligkeit einer Sprache) die Möglichkeit des Weitergesprochenwerdens. Das Leben der ewigen Sprache aber vollzieht sich genau wie das des Volks nicht in einer solchen Folge von Toden und Auferstehungen, durch die alles irdisch- Lebendige sein Leben allein über die zugemessene Spanne der natürlichen Dauer dehnen kann, sondern es ist Nichtsterbenkönnen, Nichtsterbenwoüen, Nichtsterbendürfen. Was sie sich einmal wirklich einverleibt hat, scheidet sie nie wieder aus. Sie wächst nicht wie ein Organismus, sondern wie ein Hort — der Schatz, an dem die lebende und sterbende Menschheit der Völker das Nahen des Reichs ablesen darf. Man kann einen Roman von Thomas Mann lesen, ohne deshalb auch den originalen Simplicius Simplicissimus oder gar das Nibelungenlied, den Heliand, die gotische Bibel nachher in irgendeiner ihrer eigentümlichen Wendungen besser zu verstehen; man kann aber, ich will garnicht einmal sagen: KJatzkins Spinoza, sondern nur ein hebräisches Zeilungsblatt, nicht lesen, ohne davon etwas für das sprachliche Verständnis Ihn Esrascher Kommentare, talmudischer Diskussionen, biblischen Urlauts zu profitieren. Hebräisch Lesen heißt: Bereitsein, die ganze Erbmasse der Sprache anzutreten; liest man deutsch, englisch oder latein, so erntet man nur die Frucht, die der Sprachacker dieses Generationsjahrs trug. Und wie also der Gottessprache des Volks das eigentliche Kennzeichen einer heiligen Sprache, nämlich die Abgeschlossenheit gegen seine gesprochene Menschensprache, abgeht und sie so auch nie zu der magischen Heiligkeit des Kirchenlateinischen oder des Koranarabischen entartete, die dem Laien, ist er nur im Geist und Glauben dabei, ruhig unverstanden bleiben dürfen, ja fast wollen, sondern stets hat sie auf der Forderung wörtlichen Verstandenwerdens beharrt: so fehlt nun auch seinen gesprochenen Sprachen das wesentlichste Merkmal der profanen 'Lebendigkeit, die volle Hingabe an den gegenwärtigen Augenblick. Sie sind voller Zitate, das Anführungsstrichlein wäre ihre häufigste Interpunktion, noch im Deutsch des entjudetsten Juden. Wollte das neue, in Palästina gesprochene Hebräisch sich diesem Gesetz des jüdischen Schicksals entziehen, so könnte es das theoretisch freilich, es hätte aber die Folgen zu tragen. Die Folgen wären nicht bloß die für manchen unsrer jungen und alten Radikalen ja erwünschte, daß das neue Hebräisch nicht mehr die Sprache des alten jüdischen Volkes wäre; sondern die Hoffnungen auf eine neue, „bodenwüchsige", „echtnationale" Kultur, die das bisher in unsrer Geschichte immer ungelöst gebliebene Problem der Vereinigung von Normalität und Individualität (denn wo wir normal sind, gleichen wir den andern aufs Haar, und unsre Eigenart macht uns zum „Sprüchwort und Spottlied" der Völker) automalisch lösen würde, hätten wahrscheinlich gar keine Zeil zur Verwirklichung; und Zeit, „einige Generationen", pflegt doch selbst dieser wundergläubige Nationalismus, der meint, es genüge, die alten Geschäftsbücher zu verbrennen, damit die neuen Kunden in Scharen gelaufen kämen, als Bedingung für das Eintreffen des Wunders zu fordern. Man denke etwa einmal dem erstaunlichen Phänomen der mehrhundertjährigen Erhaltung des Jüdischdeutschen, nicht im Osten, sondern in Deutschland selber, nach. Daß es sich im Osten unter anderssprachiger Umgebung erhielt, ist am Ende gar nicht so merkwürdig wie daß es in der gleichsprachigen Umwelt in seiner Besonderheit beharrte. Das läßt sich nicht aus der Trennung allein erklären, die doch nur sehr unvollständig war. Dies Rückgrat gaben der dialektischen Abweichung nur die wirklich sprachfremden Bestandteile, ihr Gehalt an Hebräisch, allem, beziehungsreichem Hebräisch. Freilich daneben noch der Rückhalt, den sie an dem Judendeutsch der nach sprachfremden Gegenden gewanderten Brüder fand. Ohne solche historische Verfestigung und geographische Spannung wäre sie notwendig dem Schicksal aller dialektischen Splitter verfallen. In dieser Lage würde sich aber ein Hebräisch palästinensischer Siedler befinden, das auf historische Verbundenheit und transpalästinensische Verpflichtetheit so bewußt verzichten würde, wie das eine natürliche Sprache um ihrer normalen ungehemmten Entwicklung willen allerdings müßte; und die Aufsaugungsgefahr ist um so größer, weil das Arabische, 107