Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Neuhebräisch?
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig Nationalismus, in denen ja im Lauf der letzten Jahrzehnte auch die meisten andern exotischen Völkerschaften, nicht bloß unser (wie es Hermann Cohen bei guter ironischer Laune wohl einmal nannte) „harmloses Handelsvölklein'*, ihre höhere Ausbildung erfahren haben, liegt ja auf der Hand und wird übrigens von ihren Vertretern auch gar nicht bestritten. Aber nicht auf die durchsichtige Oberflächlichkeit der Theorie kommt es an, sondern darauf, ob sie die Kraft hat, die Wirklichkeit nach ihrem Bilde zu gestalten, oder ob umgekehrt jenen geleugneten Rechtsansprüchen ungeachtet der Unfähigkeit dieser Theorie und dieses Theoretikers, sie in ihrem Rechtscharakter zu erfassen, dennoch so viel Macht innewohnt, daß sie nicht bloß die Theorie ad absurdum führen, sondern auch den Theoretiker zwingen, gescheiter zu sein, als es seine eigene Theorie erlaubt. Und das ist hier, wie mir scheint, dem Spinozaübersetzer Klatzkin begegnet, wie es denn wohl überhaupt, auch jenseits dieses Spezialgebiets, das Charakteristikum dieser geistigen Persönlichkeil ist, das sie günstig von ihren Nachbetern in der zionistischen Jugend unterscheidet. Mag, um auf den Fall der Übersetzung zurückzukommen, Klatzkin selber auch die Wahl der mittelalterlich jüdischen Terminologie, die ja allein ihm jene Frucht hat enlgegenreifen lassen, zu einer bloßen durch Spinozas eigene noch scholastische Terminologie gegebenen Möglichkeit entwerten, die Art, wie er selber sich in dem sprach- und philosophiegeschichllich gleich interessanten zweiten Anhang wegen seiner Wortwahl im einzelnen rechtfertigt, straft auch hier seine kühle Voraussetzung Lügen. Die nackte Wahrheit ist nicht lebensfähig, und die nackte Unwahrheit auch nicht. Sie brauchen beide Kleider, um sich zu wärmen. Aber bekleidet sehen sie gar nicht mehr so verschieden aus; von hinten kann man sie, wie einen schwarzen und weißen Delegierten in Genf, beinahe verwechseln. Die Wahrheit, daß das Hebräische die heilige Sprache des heiligen Volkes ist, und die Unwahrheit, daß es die gesprochene Sprache eines Volks wie alle Völker sei, scheinen unversöhnlich. Aber die jüdische Wirklichkeit läßt die beiden, jene Wahrheit und diese Unwahrheit, aufeinander angewiesen sein. Jene Wahrheit will nicht von einem Munde ausgesprochen werden, der sie nur ausspricht, um sich vor jeglichem T«n, sowohl dem Tun der Wahrheit wie dem Tun der Unwahrheit, zu drücken. Und diese Unwahrheit kann im Munde eines, der sie tut, wirklich tut, unversehens zu jener Wahrheit werden. Die gewallige Erkenntnis des Midrasch: „Auch gegen euren Willen bin ich euer Gott" steht über allem Jüdischen geschrieben — auch heute noch. Hier wird ein Heiliges, das allem Profanen den Rücken kehren möchte, profanisierl, und die Profani tat des ersten Tags eilt dem siebten zu, der sie heiligen wird. Die Heiligkeit des Hebräischen hat nie Heiligkeit in jenem genauesten, aber eben im Jüdischen überwundenen Sinne der Abgeschlossenheit bedeutet. Stets, nicht bloß zu Moses und Jesajas Zeiten, sind ihr, der heiligen, der Sprache Gottes, aus der gesprochenen, den gesprochenen Sprachen des Menschen Kräfte der Erneuerung zugeströmt. Mit andern Worten: Das Hebräische war trotz seiner Heiligkeit nie bildnishaft erstarrt, sondern ist immer lebendig geblieben. Das Hebräisch der Thora und das des Buchs Esther, die Monumentalität der großen Stammgebete und die artikulierte Gefügtheit der Mischnas, der Barock des Kalir und der Klassizismus der großen Spanier, die fromme Nüchternheit des Rambam und Raschis ruhig-eifriges Lehren, die sprachliche Bedenkenlosigkeit der Tibboniden, die Ungepflegtheit des Schulchan Aruch, der Historismus der Haskala im historischen ig. Jahrhundert, — das alles ist Hebräisch. Das gesprochene Hebräisch der Urzeit, die aramäische Gemeinsprache der Perserzeit, dann die griechische der Diadochenstaaten, dann, stärker und nachhaltiger als alles, das Aramäisch der palästinensischen und babylonischen Lehrhallen, und gleichzeitig die Sprache der Heere und Gerichte Roms und die der Herrscher und Untertanen des neuen Perserreichs, dann das Arabisch der islamischen Arzte und Philosophen, Europas Sprachen wie sie sich unter dem überschattenden Baum der weltkirchlichen Lalinität zu eigenen Bildungen entwickelten, sie alle haben an dem Wort- und Satzgewebe des Sprachvorhangs gewirkt, der das Allerheiligste des hohepriesterlichen Volks den Blicken der Weltvölker zugleich anzeigt und verhüllt. Der Unterschied dieser Lebendigkeit von der einer profanlebendigen Sprache ist nur, daß hier nichts, was einmal aufgenommen wurde, verloren gehen kann; die Sprache wird immer 106