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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 105

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Neuhebräisch?
Date
1926-04-01
Page
105 (sequence 1)
Language
German
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Neuhebräisch? Anläßlich der Uebersetzung von Spinozas Ethik Von Franz Rosenzweig J. Klatzkin, der bekannte Zionist und Schüler Hermann Cohens, veröffentlicht, gleichzeitig mit einem hebräischen Buch über Spinoza, eine hebräische Übersetzung der Ethik. Wie der prachtvoll gedruckte und ausgestaltete Band nun vor einem liegt, gibt er zu allerlei Gedanken Anlaß. Es ist nicht die erste Übersetzung der Ethik ins Hebräische. Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert hat ein Jünger der „Haskala", der östlichen jüdischen Aufklärungsbewegung, die ja zum Unterschied von der westlichen kulturnationalistisch und infolgedessen hebraislisch gerichtet war, sich an der großen Aufgabe versucht. Aber erst Klatzkin besitzt die wissenschaftliche, geistige und sprachliche Ausrüstung, die das Unternehmen verlangt. Und so darf er das stolze Bewußtsein haben, daß keine künftige Erforschung des Sinnes der Ethik an seiner Übersetzung, an dem immanenten Kommentar, der sie, wie jede Übersetzung, ist, vorübergehen dürfen wird, so wenig wie etwa an Bäntschs mustergültiger deutscher. Noch über das gewohnte Maß wird hier die Übersetzung Kommentar. Man hat schon am Ausgang des 17. Jahrhunderts bis hin zu dem neusten Biographen, dem Jesuiten v. Dunin- Borkowski, Einflüssen nachgespürt, die der junge Spinoza aus der jüdischen Philosophie des Mittelalters einerseits und aus der Kabbala andrerseits empfangen hätte und die in der Ethik wirksam geworden wären. Klatzkin, der Nationalist, lehnt mit der asketischen Strenge des Wissenschaftlers das Vorhandensein solcher jüdischen Einflüsse bei dem großen entsprungenen Juden ab. Aber statt des geistigen stellt er einige genau zu bezeichnende sprachliche Einflüsse fest. Nun mündet aber einer von diesen an ganz zentraler Stelle, nämlich in den Begriff der „Idee"; und der verweigert in seinem spinozistischen Sinne mit seinen Beziehungen auf das „Ideeierle", die „ideeierten Dinge" und die „Intellektion'* sich einer zureichenden Übersetzung in die Sprachen der europäischen Philosophie; aber auch im Latein des Originals nötigt er den Denker einerseits zu sprachlollkühner Neubildung, andrerseits zum Verzicht auf sprachlich vollkommenen Ausdruck des Gemeinten. Hier ergibt sich nun eine paradoxe Erscheinung. Denn in der Terminologie der jüdischen Scholastik, auf die grade hier Spinoza selber sich ausdrücklich bezieht, formuliert sich diese Begriffsgruppe sowohl natürlich als auch in durchsichtigem sprachlichen Zusammenhang. Sodaß die Übersetzung hier in die Lage kommt, originaler als das Original zu sein. Eben dies gibt zu denken. Klatzkin ist innerhalb der zionistischen Theorie der führende Vertreter eines, wie er es selber nennt, „formalen Nationalismus", der bewußt jeden zukunftsbindenden oder gar zukunftsverpflichlcnden Rechtsanspruch der jüdischen Erbschaft an die gegenwärtige Generation, die sich anschickt, jene Erbschaft anzutreten, leugnet und die nationale Wiedergeburt allein von der Zukunft, von den Wunderkräften der Rasse, des Bodens und vor allem eben der Sprache, erwartet. Wobei diese drei Faktoren natürlich streng ohne jede inhaltliche Eifülltheit, eben „rein formal", gefaßt sind, sodaß, beiläufig bemerkt, der Wunderglaube des modernen Rationalisten, was Grundlosigkeit und Stützenunbedürftigkeit anbetrifft, den dem allen Juden von der Tradition abgeforderten bei weitem hinter sich läßt. Die Herkunft dieser extremen Theorie aus den Versuchslaboratorien des europäischen 105

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