Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 95 (sequence 14)
- Language
- German
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Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift kein Wort gelesen ist, ist das klarste Beispiel für diese selbstverständliche Feststellung, die überhaupt nur deshalb gemacht werden muß, weil eine flache Behauptung uns glauben machen will, daß nur die zum Teil mehrdeutigen Schriftzeichen semitischer Alphabete (arabisch, persisch, türkisch) einer voraufgehenden Kenntnis der Sprache bedürften, um lesbar zu werden.1) Sofern aber endlich die Schriften Einzelsprachen und nicht einer Allerweltssprache zugehören, gehen sie in einem ganz anderen Sinne, als es die alte Meinung ihrer Ableitung von heiliger Schrift war, auf die heilige Schrift (dieser Ausdruck zuerst i. Makk. 12, 9) zurück: indem sie nämlich das Korrelat zu der Wiedererweckung der Nationalsprachen sind, welche die Botschaft des Christentums in der einsprachig gewordenen hellenistischen Welt hervorrief. Diese Botschaft, und in ihrem Gefolge das „Alte Testament", das das Neue verbürgte, wollte und mußte zu jedem Ohr in Muttersprache sprechen. Daher kommt es, daß am Anfang aller östlichen und vieler westlichen Literaturen — die Bibelübersetzung und damit die Nationalschrift steht Noch haben die Buchstabenschriften nicht jeden Zusammenhang mit ihrer gemeinsamen Stammutter verloren, aber sie gehen mit den weiter und weiter sich differenzierenden Sprachen ins Weite auseinander. Es gibt keine Sprache, die es sich auf Jahrhunderte erlauben kann, mit ihr ungenügenden Zeichen zu schreiben. Wie die Griechen an das semitische Alphabet ihre Zusatzbuchstaben fügten, die Araber ihre Laute schärfer unterschieden, die Juden schin von sin abhoben, so wird die deutsche Sprache sich ein Zeichen schaffen müssen, um durch einen Zug die drei Buchstaben s-c-h zu ersetzen. Ja, sie wird darüber hinaus mit innerer Notwendigkeit zu Stenographie und Siglen, d. h. aber zu nach Sprachindividuen unterschiedenen Schriftsystemen kommen, denn Siglen und Kurzschriftelemente werden nach nationalsprachlichen Häufigkeitsmaximis gewählt Selbst eine Schreibmaschine setzt ihre in den Typen noch formgleichen Tasten schon jetzt nach diesem Ausleseprinzip im Deutschen anders wie im Englischen; im Deutschen das Y an die entlegenste Ecke, im Englischen in die beste Mittellage und so durchweg. 1) Die geniale Entzifferung der persischen Keilschrift durch Grotefend more mathematico ist nur scheinbar eine Ausnahme. In Wirklichkeit traten seine persischen Wortkenntnisse in die Berechnung ein. Wie Schriftkomplexe der lesbaren babylonischen Schrift zu Trittsteinen auf dem Wege der Lesung noch unbekannter Sprachen werden können, zeigt die Hetitologie. 95