Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 96 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Rudolf Hallo: Die Schriftzeichea vorn Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift Die Annahme der lateinischen Schrift durch die vorder- und hinterasiatischen Völker darf nicht darüber hinwegtauschen, daß die Schrift gerade in dem Moment, in dem das Esperanto eine Einheitssprache zu schaffen versucht, ins Unbegrenzte auseinanderstrebt Damit wird sie aber eine große Verantwortung auf sich nehmen: sie wird — den kläglichen Aushilfen der Esperantosprache und den sprachlosen Zeichen der Morseschrift gegenüber — den Fortbestand, die Erhaltung, die Laute der Einzelsprachen, sie wird jedem Menschen seine Muttersprache erhalten müssen. Und in dem Maße, wie in dieser Muttersprache Wahres gesprochen oder ausgesprochen wurde, wird diese durch das Geschriebene bewahrte Sprache dem zeitlichen Sprachtod überhoben, zu einer heiligen Sprache werden. Es war im Jahre i835, als, auf eine von der französischen Akademie gestellte Preisfrage de l'influence de i'ecriture sur le langage der Darmstädter A. A. E. Schleiermacher diese Antwort fand: Die Schrift habe keinen Einfluß auf ihre Sprache. Sprache sei vor ihrer Schrift und sei löslich von ihrer Schrift; sie könne den Zustand, in dem sie geschrieben sei, abstreifen und sich verjüngen, sich verändern und schließlich auch sterben, aber durch ihre Niederschrift, d. h. durch ihr Niedergeschriebensein, werde der Flüchtigen Dauer 'verliehen. (Schluß folgt) 96