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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-04-01
Page
94 (sequence 13)
Language
German
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Rudolf Hallo Den vollgültigen Beweis bringt — Dürer. Eben derselbe Dürer, der die Bachstabenformen auf mathematisch reine Proportionen gründete, schmelzte die elenden Schlacken dieser samt und sonders nichtswürdigen und falschen Symbole, an denen nicht das geringste Körnlein ägyptisch, geschweige denn weise ist, zu visionären Zeichen seiner großen Symbolik um. Man wird bei Dürers nur noch in Abbildern erhaltenem Entwurf zum „Misterium der alten egyptischen Buchstaben" in der Ehrenpforte für Kaiser Maximilian L nicht anders glauben, als daß man eine ezechielisch-apokalyptische Erscheinung vor sich habe, derart geschlossen und bewältigt thront hier die kaiserliche Majestät über den Tieren und Elementen. Erst wenn man ins einzelne geht, wird man entdecken, daß hier durch Sachbilder, d.h. lateinisch Rebus (damals fing das Rebusspielen an), paränetische Darlegungen gemacht werden sollen. Gewiß ist diese doppelte Beschäftigung Dürers mit Buchstabenschrift und Bilderschrift weit tiefer begründet, als in künstlerischem Spiel. Auch Geoffroy Torry, von dem in Anm. auf S. 89 zu berichten war, daß er die Buchstaben nach den Maßen des menschlichen Körpers und Gesichts formte, ist i5oo, in Rom mit dem Studium hieroglyphischer Schriften beschäftigt Es ist, als ob beide in der Bilderschrift die Wahrheit, in der Buchstabenschrift die Schönheit aufzuspüren sich gezwungen gefühlt hätten. Auch hier war, wie in der Hieroglyphendeutung, der Dürer sehen Symbolerfindung die spätgriechische Kunst vorausgegangen, nur daß sie ins Menschliche erhob, was die befangene Nachwelt des Humanismus im Untermenschlichen ersticken ließ: der Vater Nil, umspielt von 16 Putten, die sein fruchtbares Ansieigen um 16 Ellen andeuten sollten, wurde gerade damals in Rom aufgefunden (Giehlow 97, io5, 107) und sanktionierte für die Folgezeit bis an das Ende des Barock die falsch gerichtete Interpretation der hieroglyphischen Bilder. Das Ende war da, als mit der Einsicht in die Zugehörigkeit jeder Schrift zu einer, nämlich ihrer Sprache, eine von den Gegebenheiten der Sprache absehende allgemeine Interpretation, so, als ob man ägyptische Schrift ohne Kenntnis ägyptischer Sprache lesen könne, hohl wurde. Zu jedem Lesen, das mehr sein will als bloße Schriftentzifferung, gehört Kenntnis der Sprache, und eine noch unbekannte Sprache ist gewiß nicht lesbar, so wohlbekannt auch immer ihre Buchstabenformen sein mögen. Das völlig mit bekannten Buchstaben geschriebene Etruskisch, von dem doch noch 94

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