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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 93

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-04-01
Page
93 (sequence 12)
Language
German
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Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift die ihnen entgegengebracht wird, hat Wächter in gutem Glauben aus einem griechischen Kirchenschriftsteller, dem Clemens von Alexandrien (auch Plutarch bringt sie, führt aber statt des Krokodils ein Nilpferd, das die Schamlosigkeit bedeutet) aufgenommen und sie ist, so absurd sie erscheint, nicht nur durch Alter, sondern auch durch Kunst geheiligt Auf einem Handzeichnungsblatt im Berliner Kupferstichkabinett befindet sich vor einer Statue der Athena (in deren Heiligtum in Sais nach Plutarch die Inschrift eingegraben war) ein Obelisk, der von oben nach unten die Abbilder eines jugendlichen und eines greisen Hauptes, eines Adlers, eines Fisches und eines tapirähnlichen Halbstücks trägt, von zwei antikisierenden Gestalten andachtsvoll bestaunt Die Zeichnung hat einen Kampf zwischen dem Ägyptologen Schäfer und dem Kunstgeschichtler Voß hervorgerufen (s. Amtl. Museumsberichte, Berlin io,i3, i58ff.). Voß weist das Blatt aus stilistischen Gründen dem Francesco Sahdati aus der Schule Michelangelos um i56o zu, Schäfer glaubt, es nach i65o ansetzen zu müssen, weil er bei dem „vorsündflutlichen Vorfahren der Ägyptologie", dem Jesuitenpater Kircher, in dessen i65o herausgekommenen Obeliskenwerk die Zeichnung eines Obelisken mit vier übereinstimmenden Bildern und an fünfter Stelle einer durch Plutarch geforderten Nilpferdprotome an Stelle des Tapirs findet, von der der Salviati abhänge. Der Fall scheint zugunsten der Schäferschen Auffassung zu stehen — wenn man die Hieroglyphenkunde mit Kircher anfangen läßt In Wahrheit fängt sie aber fast 200 Jahre vor ihm an und die plutarchische Nachricht von den Geheininissen zu Sais, die bis auf Schiller und Novalis wirkt, steht bereits um i48o mitten in der gelehrten Diskussion, nicht zum mindesten gerade die Bedeutung des Nilpferdes in ihr, so daß die bildliche Darstellung der Berliner Sammlung ganz unabhängig von Kircher entstanden sein kann, da ihre einzige Abweichung vom Text, der Tapir statt des Nilpferds, unerheblich ist, denn um i48o hatte wohl noch kein Italiener ein Nilpferd gesehen. Im Gegenteil wird man annehmen dürfen, daß der zwar unendlich phantasievolle, aber gänzlich figurleere Kircher seine trockene Obeliskenzeichnung aus dem künstlerisch selbständigen römischen Blatt zurechtgestutzt hat Denn von vornherein hat es alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß nicht ein Stümper, sondern nur ein Künstler die spröden Elemente dieser Bildersymbolik zu einem Bilde hat verschmelzen können. 93

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