Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 92 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Hallo An dieser Stelle wird ersichtlich, warum nach einmal geschaffener Lautschrift die ersten Zeichen bei aller Abspaltung nie mehr durch andere ersetzt, sondern nur noch variiert wurden. Es war. mit der Reduktion alles zu Schreibenden auf wenige Elemente, die Laute, Unabhängigkeit von der Einzelsprache erreicht worden. Denn der Lautbestand aller Sprachen, die ihre Schrift vom kanaanäischen Stammbaum abzweigten, ist — im Groben betrachtet — gleich und — beschränkt! Daher an Stelle der großen Bildzeichenzahl der Ägypter nun die beschränkte Zahl der Lautzeichen tritt, die der Natur der Sache nach nur soviel Zeichen umfaßt, wie Laule unterschieden werden. Wenn aber in diesem Lebenszeichen nach Erschließung der Hieroglyphen in geschilderter Weise symbolisch die Vereinigung der männlichen und weiblichen Potenzen gesehen wurde, so läßt sich ermessen, welche Urweisheiten eine Zeit in diesen Bildern suchen würde, der nur die falsche Anweisung und nicht die korrigierende Einsicht zu Gebote stand. Damit lenkt aber die Untersuchung dem früher gestreiften Gebiet der naturphilosophisch-spekulativen Ausdeutung der Schrift wieder zu, und, wie mit einer gewaltigen Klammer, wird damit noch einmal der ganze weite Abstand von Spätantike über Renaissance und Humanismus bis an die Schwelle der Neuzeit zusammengeballt (Grundlegend: KarlGiehlows posthume Arbeit, KunsthisL Jahrbuch Wien 1915.) Als Wächter im Jahre 1752 dem gelehrten Deutschland ein Beispiel für die unschätzbar alte symbolische Schrift der Ägypter geben wollte, erzählte er ihnen folgende Geschichte: „Zu Diospolis (in Ägypten) ist in einer hieroglyphischen Figur ein Knabe, ein Greis, ein Habicht, ein Fisch und ein Krokodil zu sehen gewesen. Weil nun ein Knabe die Geburt, ein Greis die Sterblichkeit, ein Habicht Gott, ein Fisch den Haß und ein Krokodil die Unverschämtheit bedeutet: so scheint obiges zusammengesetztes Bild zu bedeuten: O ihr, die ihr geboren seyd und sterben werdet, Gott hasset die Unverschämtheit" Diese erstaunliche Weisheit, die es an Banalität mit den Aussagen moderner Medien aufnehmen könnte, die ja auch bestenfalls nur die Klugheit abgeben, lassen wird, von dem noch 1913 ein Eduard Stucken die Ordnung ableiten wollte. Die ganze Parallelität zwischen den 28 Stationen des Mondes und den 28 Buchstaben des — späten! — arabischen Alphabets beschränkt sich darauf, daß einige Male an der Stelle, wo im Alphabet ein Körperteil als Buchstabenname steht, in den Mondstationen auch ein Körperteil steht, bloß nicht gerade derselbe und nicht gerade einer mit demselben Anlaut. „Oder glaubt jemand, daß auch nur ein einziger Vers des Ennius daraus entstünde, wenn man den Letternkasten pit seinen 21 Buchstaben auf die Erde schüttete?" fragt Poseidonios beim Cicero (deor. nalur. II 07). 92