Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 91 (sequence 10)
- Language
- German
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Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift vieldeutig ist, insofern sie dem bloß sinnlich Perzipierenden nichts anderes darstellt als einen Raubvogel, der ein Menschenhaupt schändet (Darin berührt sie sich mit ihrem Überrest: der Heraldik.) Obzwar nun die ägyptische Schrift in stetiger Entwicklung von dieser Stufe der symbolischen Bedeutsamkeit zum Gebrauch einer beschränkten Bilderzahl zur stellvertretenden Darstellungeiner LautgruppeohneHinsicht auf deren Sinn fortschritt, also den Weg zur Buchstabenlautschrift betrat — er wurde erst auf sinaitisch-palästinensischem Boden weiter —, in Griechenland, das auch den Vokalen Zeichen zuordnete, zu Ende gegangen — sank das Verständnis für die Hieroglyphenschrift seit ihrem Absterben im späten Altertum auf jenen, nun aber unberechtigt primitiven Stand von symbolischer Auffassung zurück, der bis zu Champollions Entzifferung vor 100 Jahren die spätgriechische, Renaissance- und Barockforschung beherrscht hat Während die Ägypter selbst gelernt hatten, an sich unbildliche Worter durch Bilder gleichklingender Wörter zu schreiben, also den Toren durch ein Tor, ging die vergebliche Bemühung von anderthalb Jahrtausenden darauf hinaus, hinter jedem „Tor" — das verschleierte Bild von Sais zu finden. Ich wähle ein Beispiel, das klassischen Rang besitzt Der Ägypter vermochte sein Wort für Leben, anch (in Tut-anch-amon das lebendige Abbild. Amons) durch das Bild des gleichlautenden Sandalenriemwerkes zu schreiben: 9 Da nun Isis dies Lebenszeichen, das sog. Henkelkreuz, als Attribut zu tragen pflegt, ging es als Zeichen für den Venusstern (Venus Isis), ja für das weibliche Geschlecht überhaupt in die naturwissenschaftliche Formelschrift über. Erklärt aber wurde es — noch 1860 von Schopenhauer (Werke VI, 433 A) als stilisierte Zeichnung von Lingam und Yoni! Ein Abstraktum, das durch Gleichklang in dieser ägyptischen Sprache und nur in ihr durch das Bild eines Konkretums gezeichnet werden konnte, wurde von Schopenhauer gelesen, als ob es bloße vom Sprachboden ablösbare Schreibe wäre. Ersichtlich kann man aber den Toren nur im Deutschen durch ein Tor, „Leben" nur im Ägyptischen durch ein Riemenwerk bezeichnen, weil nur in ihnen gerade diese Wörter gleichklingend sind.1) *) Fuhrmanns Vorgeschichte der Hieroglyphen igaa ist ein Beispiel für erschlichene Symboldeutung. F. weiß alle seine Deutungen schon durch die Mittel der Wissenschaft; was er als eigene Leistung hinzufügt, ist überdeutet. Die Geschichte der einzelnen Alphabete steht bei'Jensen. Für die problematische Anordnung des Alphabets werden die Sinaifunde vielleicht Klärung bringen; sicher insofern, als man ins künftige den Himmel aus dem Spiel 9t