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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-04-01
Page
90 (sequence 9)
Language
German
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Rudolf Hallo Wenn nun aber die hebräische Quadratschrift, mittels derer einzig und allein die uns überkommenen hebräischen Texte des Alten Testamentes aufgezeichnet sind, sogar nach zugänglicher talmudischer Überlieferung nicht einmal bis auf Moses, geschweige denn bis auf eine göttliche Vorzeichnung zurückgeht, so ist über diese „heilige" Schrift, dies Wort verstanden wie in den Zusammenhängen deutsche Schrift, lateinische Schrift usw., ein doppeltes Urteil gesprochen: sie ist weder relativ noch absolut mit dem Charakter erschöpfender Zulänglichkeit ausgerüstet Sie steht vielmehr zu ihrem Text scMechthin so, wie jede Schrift zu ihrem Text steht: im Stande der an-nähernden Bedeutsamkeit, günstigstenfalls der be-deutsamen Annäherung. Die Sprache der Menschen, die ihrem Wesen nach andeutig ist, wird durch eine auf sie deutende Schrift relativ zulänglich, die Sprache Gottes, die, wenn anders sie Sprache Gottes ist, nur eindeutig sein kann, wird durch auf sie deutende Schrift absolut unzulänglich fixiert Wenn Wahrheit in ihren Zeilen überhaupt liegen soll, so liegt sie nicht kraft der Heiligkeit des Mittels, sondern trotz seiner Unheiligkeit darin. Aber mit diesen letzten Überlegungen ist die Untersuchung bereits ihrem vorgezeichneten Ziel in unerlaubten Sprüngen zugeeilt, und es ist notwendig, sie noch einmal zurückzuholen zu dem Ausgangspunkt dieses ganzen Mittelteiles: der Frage nach der Concordia Naturae atque Scripturae. Zwar nicht die Buchstabenschrift, wohl aber die echte Bilderschrift, die ihr voraufging, kann für sich in Anspruch nehmen, in Eintracht mit der Natur zu stehen. Deshalb bedarf die Frage nach dem Prinzip der ägyptischen Hieroglyphen der Beantwortung.1) Die ägyptische Hieroglyphenschrift in ihrem frühesten Zustand (nicht in dem verwandelten, der an die sinaitische Schriftperiode grenzt) setzt mittels einer ungeheueren Symbol-Abstraktion Vorgänge in Bilder um: der König, dargestellt durch den königlichen Falken, sitzt auf einem Menschenkopf, der ihm also untergeben ist und führt einen Zügel durch dieses Menschen Mund, cL h. er macht den Untergebenen zum Gefangenen und führt ihn fort Als Schreiben im eigentlichen Sinn ist diese altägyptische Art der Aufzeichnung noch nicht anzusprechen, da sie nicht nur bloß andeutig, wie alle Schrift — mit Ausnahme mathematischer Zeichen —, sondern sogar noch x) Die dritte große Schriftgattung: Keilschrift, bietet, von dieser Seite betrachtet, keine wesentlich neuen Probleme. 90

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