Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 89

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-04-01
Page
89 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895461-2896705--00967-2896820
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Die Schriflzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift mußte, um sie aus den doch so völlig anders gestalteten semitischen Buchstaben, ihren Vorbildern, zu verwandeln- Die griechische Schrift mit ihrer lotrechten Stellung der Zeichen, der Gleichgewichtsstrebung in allen Formen (man vergleiche h mit A, q mit My -3C ä mit A) ist ein sinnfälliges Zeugnis der Betätigung eben derjenigen statisch ästhetischen Kräfte der Griechen, die die Wohlordnung ihrer Säulenfronten oder die Symmetrie ihrer kanonischen menschlichen Figur aufweist Wenn nicht schon ein Früherer, dann ist es mindestens Aristoteles, der sich mit der Buchstabengestalt beschäftigt und ihr ein ästhetisches Interesse entgegengebracht hat Wie seine Klassifizierung der Formen begründet war, gehört aber nicht in diesen Zusammenhang. Denn er ist nur als ein Theoretiker der Schrift anzusehen. Dagegen die großen Meister der Renaissance, anfangend mit Lorenzo Ghiberti, über Lionardo bis zii Dürer praktisch auf die Form der Schrift eingewirkt haben und dies aus der Einsicht, daß ihre Form, um dem Auge Genüge zu tun, mit den Gesetzen der Schönheit, d. h. mit den im menschlichen Körper Gestalt gewordenen schönen Proportionen, sowie mit den überschaubaren Verhältnissen der gleichmäßig aufgeteilten geometrischen Grundfiguren übereinstimmend sein müßte.1) Hinsichtlich des struktiven Willens, der der Gestaltung der hebräischen Quädratschrift zugrunde lag, dieser monumentalen Stilisierung, die den kanaanäisch-samaritanischen Charakteren erst die üblicherweise schlechthin hebräisch genannte Quadratschrift entgegensetzte, versagen alle Quellen. Nur über das Wann berichtet die Tradition: es ist unter Esra, daß an Stelle der alten, auf späten Münzen wieder auftauchenden strichzarten Schriftzeichen die aus Assyrien mitgebrachte von Haus her verwandte aramäische Schrift erscheint So daß also die Kraft, die die Durchsetzung der prachtvoll gemessenen „Quadratschrift" bei den Juden erzwang, ein sinnfälliger Nachhall jeher Eindrücke ist, die die Kunstform der Schrift eines Weltreichs auf die Schar der Verbannten machte. Ihre Nachwirkung reicht bis auf diesen Tag. *) Die durch Schöne, Dehio und die Wiener Schule angestellten Untersuchungen über die Geschichte der Konstruktion der klassischen Buchstaben bis zu Dürer und seinem Zeitgenossen Torry sind neuerdings aufgenommen worden durch S. Wandel im Jahrbuch der Kopenhagener Museen 1921/23. Dürers „Unterweisung der Messung" hat Hans Thoma 1909 neu herausgeben lassen. Die in der Gutenbergfeslschrift 1925 von Rodenberg versuchte Anknüpfung der Dürerschen Konstruktion gotischer Buchstaben an arabische Vorbilder scheint noch nicht genügend begründet. 89

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.